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CD-Besprechung

Violeta Vicci

Mirror Images

Aldilà Records ARCD 010

1 CD • 64min • 2018

08.04.2021

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Die Geigerin und Bratschistin Violeta Vicci hat spanische und schweizerische Wurzeln, studierte in London und ist hauptsächlich in Großbritannien tätig. Mit „Mirror Images‟ legt sie nun auf eindrucksvolle Weise eine CD vor, die man im Pop-Bereich als Konzeptalbum bezeichnen würde. Damit ist diese also nur bedingt vergleichbar mit Alben mit Musik für Violine solo wie Caroline Widmanns „Reflections‟ (Telos/Hänssler 2005) oder Michael Barenboims CD mit Musik von Tartini bis Sciarrino (Accentus 2018). Ausgehend von den Rückbezügen in Eugène Ysaÿes 2. Solosonate auf J. S. Bachs Partita Nr. 3 E-Dur BWV 1006 gelingt Vicci ein spannungsreicher Bogen, der neben den oben genannten Werken und drei Ersteinspielungen neuerer Musik (Ragnar Söderlind, Imogen Holst, Jean-Louis Florentz) sechs verbindende, eigene Improvisationen der Künstlerin enthält. Dabei tritt sie auch mit der Viola und sogar Sologesang hervor. Der Hörer sollte diese unterbrechungslose Darbietung also möglichst am Stück genießen – nur so wird man der Zielsetzung Violeta Viccis gerecht.

Eindringliche Reise ins Ich

Trotz der Verwendung großer Intervalle ist die kurze Elegia II des norwegischen Symphonikers Ragnar Söderlind (geb. 1945) vor allem eines: gesanglich. Wie durch eine schnelle Zeitreise gelangt Vicci von der expressiven Einsamkeit nordischer Landschaften zum Herz barocken Tanzes. Bachs E-Dur-Partita wird aber bei ihr gleichermaßen in erster Linie zur Innenschau: Absolut großartig im Verständnis der – teilweise ja nur virtuell stattfindenden – Polyphonie, technisch und klanglich tadellos, geht diese Rechnung zumindest im Prélude überraschend gut auf. Bei den folgenden, reinen Tanzsätzen – diese Partita enthält ja keine Fuge – wirkt ihre ruhige, fast stoische Gangart jedoch bald ermüdend. Das ist weniger Folge der von Vicci gewählten Tempi als der Gleichförmigkeit ihrer Phrasierung, die auf den Rezensenten ein wenig kleinteilig wirkt und alles durchaus frischer, ja freudiger gespielt werden könnte. Musikalisch am beeindruckendsten ist die Suite für Viola solo von Imogen Holst (1907-84), der Tochter Gustav Holsts (The Planets) – ein völlig zu Unrecht vergessenes Stück von 1930, das der Bratsche eine Stimme von enormer Ausdruckskraft verleiht.

Ysaÿes „Obsession“ ohne virtuose Heuchelei

Ab Improvisation III nutzt Vicci zudem Multi-Playback, kombiniert so Violine mit Viola bzw. ihrer Stimme. Die 1985 entstandene Vokalise von Jean-Louis Florentz (1947-2004) singt die Künstlerin natürlich selbst – auch dieses Stück mit kleinen, mikrotonalen Schlenkern führt weiter ins Ich: Wo bei Ysaÿes technisch bekanntermaßen anspruchsvoller Sonate op. 27, Nr. 2 häufig äußerlich virtuos aufgetrumpft wird, hören wir hier anfangs gewissermaßen eine Reflexion der zitierten Bach-Partita – durch das dann durchgängig vorkommende Dies-irae-Motiv werden alle vier Sätze schnell nicht nur unterschwellig bedrohlich. Vicci erreicht hier einen Ernst des Ausdrucks jenseits aller paganinesken Spielereien, der tief bewegt. Selten wurde diese Musik in diesem Sinne so konsequent begriffen. Nach einer weiteren Improvisation, die vokal das Dies irae über einem Bratschen-Bordun erneut aufgreift, endet dieses ungewöhnliche Album mit einer Transkription der melancholischen Sarabande aus Bachs c-Moll Cellosuite für Viola. Der Booklettext ist ausführlich und geht sogar auf die Improvisationen genauer ein. Insgesamt ein sehr persönliches künstlerisches Statement, dass gekonnt existenzielle Fragen beleuchtet, vielleicht fast ein wenig zu dystopisch – allemal hörenswert.

Martin Blaumeiser [08.04.2021]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Ragnar Söderlind
1Elegia II op. 6b 00:03:50
Violeta Vicci
2Improvisation I 00:00:49
Johann Sebastian Bach
3Partita Nr. 3 E-Dur BWV 1006 für Violine solo 35:14:38
Violeta Vicci
10Improvisation II 00:02:02
Imogen Holst
11Suite für Viola solo 00:09:17
Violeta Vicci
15Imprivisation III 00:02:00
Jean Louis Florentz
16Vocalise 00:04:33
Violeta Vicci
17Improvisation IV 00:03:26
18Improvisation V 00:01:36
Eugène Ysaÿe
19Sonate a-Moll op. 27 Nr. 2 für Violine solo (über das Präludium aus der Partita E-Dur von Johann Sebastian Bach. À Jacques Thibaud) 00:14:19
Violeta Vicci
23Improvisation VI 00:02:49
Johann Sebastian Bach
24Sarabande aus Suite Nr. 5 c-Moll BWV 1011 00:03:01

Interpreten der Einspielung

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