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CD-Besprechung

Hammerklavier Live

Beth Levin

Aldilà Records ARCD 011

1 CD • 72min • 2005, 2019

04.02.2021

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Die Amerikanerin Beth Levin konnte als junges Mädchen fast als Wunderkind gelten, studierte dann bei drei phänomenalen Lehrern – Marian Filar, Rudolf Serkin und Leonard Shure – und machte sehr schnell Karriere, die sie aber, u.a. aus Rücksicht auf eine intaktes Familienleben, nicht so brutal ausufern ließ, wie es der Klassikbetrieb normalerweise fordert. So behielt sie stets ihre künstlerische Unabhängigkeit – gerade auch bei der Programmgestaltung – und machte sich auf Tonträgern rar. Unter Kennern schätzt man aber etwa ihre Einspielung der beethovenschen Diabelli-Variationen (2009). Nun konnte die Künstlerin für eine – nicht nachgebesserte – Live-Aufnahme der Hammerklaviersonate in Baltimore gewonnen werden. Das traut sich heute kaum noch jemand zu, da es hier fast zwangsläufig zu Unebenheiten, aber auch zu nicht vorhersehbaren Eingebungen des Augenblicks kommt, die bei einer Studioproduktion eben fehlen. Die kleinen Unsicherheiten – meist kaum ein Wimpernschlag – und leichte Fehlgriffe sind jedenfalls verzeihlich.

Hammerklaviersonate mit durch und durch empfundener Klanglichkeit

Man könnte Beth Levins Darbietung von Beethovens wegweisendstem Klavierwerk, vergleicht man sie oberflächlich mit neueren Aufnahmen, spontan als altmodisch bezeichnen, jedoch keinesfalls in einem negativen Sinn. Was die Wahl der Tempi betrifft, die musikalischen Freiräume, die sich die Pianistin herausnimmt, aber auch die kluge Disposition besonders innerhalb der beiden letzten Sätze, fühlt man sich unweigerlich an Größen wie Kempff, den späten Gilels oder auch ihren Lehrer Rudolf Serkin erinnert. Generell verwendet Levin eine wesentlich breitere Palette an Klangfarben, extrem differenzierte Dynamik und stellenweise gewagte Agogik, die andere Pianist(inn)en oft vermissen lassen. Bei genauerer Betrachtung fällt sowohl das Adagio als auch die Fuge im Finale vom Tempo her kaum aus dem Rahmen. Die Ausdruckskraft dieses wohl alle damaligen Grenzen überschreitenden, langsamen Satzes haut den Hörer aber hier regelrecht vom Stuhl. Man könnte kritisieren, dass die Grundlautstärke insgesamt etwas hoch angesetzt ist. Der Rezensent hat den hier dargestellten, psychologischen Prozess immer als perfekt geleistete Trauerarbeit verstanden, an dessen Ende eine Art „geheiligte Leere“ entsteht, nach der quasi die Neuordnung der Welt – im Sinne Beethovens – folgt. Das gelingt aber nur vollkommen, wenn nach dem unerwarteten letzten Aufschrei der repetierenden fis‘‘‘ (Takt 165) das Thema zunächst schmerzlich stark beginnt. Dort steht zwar una corda, jedoch wird andererseits das più forte nicht aufgehoben; wie bei einigen anderen Stellen lässt sich dieser Widerspruch mangels Autographs nicht klären. Indes sei Beth Levin für ihren Mut, hier – endlich! – eben nicht den konventionellen Weg (pianissimo) zu gehen, ausdrücklich gedankt. Die Fuge gelingt ihr ebenso überragend, unakademisch voller Feuer, wie eine metamorphische Folge von Charaktervariationen mit Hochspannung bis zu den letzten Takten.

Fragwürdiger Kopfsatz

Das Scherzo ist der einzige Satz, bei dem wohl noch kein Virtuose das von Beethoven geforderte, aberwitzige Tempo zu realisieren vermochte. Frau Levin nimmt ihn bedächtig, die meist zu wenig beachtete Zweistimmigkeit im Trio stellt sie wunderbar heraus, dem folgenden Presto fehlt dafür die Ungezügeltheit. Energisch widersprechen muss der Rezensent jedoch der Lesart des Kopfsatzes: ein einziges Missverständnis! Das beginnt beim Tempo: Mit der – hier weggelassenen – üblichen Wiederholung der Exposition würde Beth Levin geschlagene 16 Minuten benötigen! Zum Vergleich Igor Levit 2020 bei den Salzburger Festspielen: 9‘35“, Murray Perahia: 10‘09“. Das hat vor allem beim Hauptthema zur Folge, dass Levin dieses, anscheinend höchst absichtsvoll, auf Viertel empfindet (wo ein schnelles alla breve steht), was sie noch zusätzlich durch Verzögerung des zweiten bzw. vierten Viertels in Takt 1 und 3 – die beiden Achtel auf „Vier“ werden so fast zu Quintolen – unterstreicht. Erst beim Seitenthema findet sie schließlich zu Halben, dann freilich in einem gemütlichen Andante. Zwar hören wir durchaus wieder einige überraschende Fein- wie Grobheiten, aber der Satz gewinnt dadurch leider nicht. Und ausgerechnet die komplizierteste und vielleicht auch schönste Stelle – die harmonische Fortschreitung des Themennachsatzes in der Reprise (T. 235ff.) – geht ziemlich daneben. Eine höchst subjektive, kantige Interpretation mit Charakter, unter dem Strich dann aber lange nicht so perfekt und schlüssig wie Perahias glattere Aufnahme von 2016.

Sagenhaft schöner Händel und Eliasson

Ganz in ihrem Element höchster Klangdifferenzierung ist Beth Levin zuvor in Händels d-Moll-Suite HWV 428: Warum gehören diese Werke nicht mehr zum Standardrepertoire? Technisch brillant, melodisch interessanter als Bach, hinreißend virtuos – wobei die ganze Ornamentik immer natürlich erscheint – und klangschön packt diese sinnliche Musik den Hörer: Bravo! Und den in Deutschland immer noch zu unbekannten, viel zu früh verstorbenen Schweden Anders Eliasson (1947-2013) sollte sich die klavierspielende Zunft ebenfalls öfter zu Herzen nehmen. Man erlebt eine ganz eigene, freitonale – dabei höchst systematische – Harmonik von enormem Reiz, die Frau Levin mühelos erfasst und völlig überzeugend unmittelbar zugänglich werden lässt. Auch Carosello wirkt so nicht verkopft, sondern tief empfunden. Der Klavierklang ist etwas direkt, aber für einen Live-Mitschnitt tadellos, Christoph Schlürens Texte zeugen wie immer von großer Kenntnis – für Klavierfans eine mehr als interessante Aufnahme, die man ruhig kontrovers diskutieren darf.

Vergleichsaufnahmen (Beethoven): Murray Perahia (DG 00289 479 6565, 2016), Emil Gilels (DG 453 221-2, 1982), Maurizio Pollini (DG 449 740-2, 1976).

Martin Blaumeiser [04.02.2021]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Georg Friedrich Händel
1Suite Nr. 3 d-Moll HWV 428 00:16:00
Anders Eliasson
7Carosello (Disegno No. 3 für Klavier) 00:09:44
Ludwig van Beethoven
8Klaviersonate Nr. 29 B-Dur op. 106 (Hammerklaviersonate) 00:46:36

Interpreten der Einspielung

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