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CD-Besprechung

Ludwig van Beethoven

Complete Piano Sonatas • Diabelli Variations
Daniel Barenboim

DG 483 9320

13 CD • 14h 47min • 2020, 1958

10.02.2021

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Im Mai und Juni 2020 hat Daniel Barenboim im Berliner Pierre-Boulez-Saal, also an seinem akustisch trefflichen musikalischen Stammsitz, zum fünften Mal eine Kompletteinspielung der 32 Beethoven-Sonaten aufgenommen, und noch den gewaltigsten und herausforderndsten Variationezyklus, die einstündigen Diabelli-Variationen hinzugefügt. Dies ist als einer der unbestreitbaren Höhepunkte des Beethoven-Jahres in einer Box bei der Deutschen Grammophon erschienen, die außerdem am Schluss durch zwei historische CDs von 1958er Westminster-Alben ergänzt wird, auf welchen Barenboim vor mehr als sechzig Jahren seine ersten Beethoven-Sonaten aufnahm (Pathétique, Mondschein, Waldstein, Appassionata, Hammerklavier und Opus 111).

So viel Zeit wie nie zuvor

Barenboim hatte aufgrund der Corona-Antikultur-Maßnahmen nach eigenem Bekunden so viel Zeit wie seit fünfzig Jahren nicht, um sich auf diese Neueinspielung zu konzentrieren. Das Ergebnis ist von monumentaler Größe, höchster struktureller Bewusstheit und Charakterisierungskunst sämtlicher Einzelsätze, rhythmisch durchgehend frisch, ungezwungen natürlich und vital, und auch rein pianistisch hinreißend.

Wer zum Beispiel je das Glück hatte, Barenboim an einem seiner großen Abende live mit der Hammerklavier-Sonate zu hören, der wird nicht vergessen, welche unermessliche Tiefe, Weite und Verfeinerung des miterlebbaren Erfassens der harmonischen Zusammenhänge sich im langsamen Satz dieses singulären Werks offenbarte. Hier haben wir nun das Glück, dass Barenboim diese Vertiefung all diesen so berühmten großen Sonaten zukommen lässt, auch in ihren tänzerischen und schnellen Sätzen. Niemals wird ihm das Pianistische demonstrativer Selbstzweck, niemals verführt Eitelkeit zu interpretierender Gockelei. Alleine das schon würde Barenboim weit über die Masse all derjenigen erheben, die sich in jüngerer Zeit mit Beethoven produzieren wollten (ich nehme natürlich solche herausragenden Musiker wie Murray Perahia oder Martin Helmchen aus, und auch Konstantin Lifschitz hat bei Alpha Classics 2020 einen wunderbaren Gesamtzyklus vorgelegt. Doch es ist in jeder Hinsicht rein künstlerisch nicht nachvollziehbar, wie beispielsweise um Igor Levit – erfolgreich mit massiver Medienunterstützung – ein solcher Hype veranstaltet werden konnte, und wenn man nun hier bei Barenboim auch nur in einem einzigen Satz genau hinhört, verblassen derartige Vereinnahmungsversuche des ahnungslosen Hörers schon in wenigen Sekunden.)

Nie nachlassende Intensität und unbedingte Liebe

Jedenfalls, dass Barenboim die berühmten Sonaten so herausragend vorträgt, könnte sich angesichts dessen geradezu von selbst verstehen, denn wer würde sich schon gerne bei den omnipräsenten „Prüfsteinen“ irgendwelche vermeidbaren Blößen geben? Und daher möchte ich nun besonders herausstreichen, dass er gerade auch in den Sonaten, die meist nur als notwendige Füllsel im Rahmen einer Gesamtaufnahme begriffen werden – von etwas also, wo sowohl der Pianist als auch seine Hörer meist geduldig und wohlerzogen ihre ästhetische und tastenakrobatische Ausdauer trainieren –, dass er hier nicht einen Moment in seiner Intensität und unbedingten Liebe zu jeder einzelnen Sache nachlässt: die drei wunderbaren Sonaten op. 2, die beiden etwas blasseren Sonaten op. 14, die beiden fern hörbaren Ringens hingeworfenen Sonate facile, die vollendet konzise ‚Sonatine‘ G-Dur op. 79 – die alle sind hier genauso exemplarisch verwirklicht, keinen Deut weniger fesselnd gespielt als die Pathétique, die Sturm-Sonate, die Appassionata, die letzten Fünf oder die Diabelli-Variationen.

Barenboim orientiert sich primär an Struktur und Charakter, an der Möglichkeit, dies zur Gänze ungehindert zu manifestieren, am durchgehenden Spannungsverlauf des harmonischen Modulationsplans und der deutlich hörbaren Herausarbeitung auch komplex verschränkter kontrapunktischer Verknotungen, und erst dann an den Metronomvorgaben, die ja bei einem fast oder ganz tauben Menschen nun wirklich verständlicherweise teilweise irrwitzig schnell ausgefallen sind: Wie hätte, wer den ganzen Reichtum der Nebenerscheinungen nicht mehr hören kann, den Klang noch wirklich genießen und auskosten können?

Exemplarisches

Ich möchte nur ein paar Beispiele geben, wo man reinhören kann, um die einmalige Größe dieser Einspielung ein wenig zu ermessen: in die Finalsätze der D-Dur-Sonate op. 10 Nr. 3, der G-Dur-Sonate op. 14 Nr 2 und der ersten Sonata quasi una Fantasia op. 27 Nr. 1, in das eröffnende Andante der ersten Sonata facile, ins Allegretto von op. 54 oder die ganze traumwandlerisch gestaltete e-Moll-Sonate op. 90, in den vollkommen unprätentiös schlicht erfassten Mittelsatz der Mondschein-Sonate, in die herrlich zerbrechliche Einfachheit des Allegretto aus op. 10 Nr. 2, usw. Ich muss betonen, dass ich, letztlich willkürlich, nichts weiter tue als rundum Gelungenes unter rundum Gelungenem hervorzuheben. Und natürlich kann der Kenner sich raussuchen, was er will. Er sei aber auch gewarnt: Wer an gewohnten Vorstellungen festhält, könnte enttäuscht werden, und die Freiheit, die sich Barenboim nimmt, ist grenzenlos, ohne darin je in Willkür umzuschlagen. Barenboims Stilempfinden ist unbestechlich. Dem Gehalt angemessener hat noch keiner diese Sonaten in ihrer Gesamtheit vorgestellt. Inniger – und zugleich unsentimentaler in feinfühligster Weise – auch nicht.

Epochaler Wert

Angesicht dieser phänomenalen Klasse nehmen sich meine Nachfragen peripher aus: Warum hält er sich oft am machtvollen Höhepunkt eines Satzes so zurück, dass sich die aufgestaute Energie nicht wirklich entladen kann? Da wäre mehr extravertiertes Loslassen ein nicht zu unterschätzendes zusätzliches Geschenk, was die Geschlossenheit der Gesamtwirkung betrifft. Und – dies ein häufiger Streitfall! – mir erscheint es so, dass viel mehr Crescendi durchaus anwachsen sollten bis zu einem subito piano – hier rundet Barenboim gerne auch da vorher ab, wo die Niederschrift unzweideutig auf einen abrupteren Dynamikwechsel hinweist.

Was die raffinierte, stets aus der Verwirklichung der Struktur gewachsene Agogik betrifft, so liegt hier viel im individuellen Charakter des Aufführenden, und bei aller Schönheit dessen, was uns Barenboim erleben lässt, sei vor unkritischer Nachahmung von Detailwirkungen ausdrücklich gewarnt. Es gibt ganz selten subtile Eingriffe, wo er sich gegen eine Vorschrift des Komponisten entscheidet, doch mit gutem Grund und ohne dass dies der Musik Abbruch täte, so etwa am Ende des ersten Satzes von Opus 90, wo Barenboim nicht das Tempo primo wieder aufnimmt, sondern es im langsameren Tempo ausschwingen lässt. Die Einwände sind Kleinigkeiten, die den epochalen Wert dieser Edition, die auch aufnahmetechnisch exzellent geraten ist, nicht schmälern. Möge sie die Verbreitung finden, die sie verdient hat.

Christoph Schlüren [10.02.2021]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Ludwig van Beethoven
1Klaviersonate Nr. 1 f-Moll op. 2 Nr. 1 00:19:06
5Klaviersonate Nr. 2 A-Dur op. 2 Nr. 2 00:26:03
9Klaviersonate Nr. 3 C-Dur op. 2 Nr. 3 00:28:06
CD/SACD 2
1Klaviersonate Nr. 4 Es-Dur op. 7 00:32:03
5Klaviersonate Nr. 5 c-Moll op. 10 Nr. 1 00:19:27
8Klaviersonate Nr. 6 F-Dur op. 10 Nr. 2 00:13:20
CD/SACD 3
1Klaviersonate Nr. 7 D-Dur op. 10 Nr. 3 00:25:04
5Klaviersonate Nr. 8 c-Moll op. 13 (Pathétique) 00:19:35
8Klaviersonate Nr. 9 Es-Dur op. 14 Nr. 1 00:16:01
11Klaviersonate Nr. 10 G-Dur op. 14 Nr. 2 00:17:22
CD/SACD 4
1Klaviersonate Nr. 11 B-Dur op. 22 00:28:48
4Klaviersonate Nr. 12 As-Dur op. 26 00:21:42
9Klaviersonate Nr. 13 Es-Dur op. 27 Nr. 1 (Quasi una fantasia) 00:16:54
CD/SACD 5
1Klaviersonate Nr. 14 cis-Moll op. 27 Nr. 2 (Mondscheinsonate) 00:16:46
4Klaviersonate Nr. 15 D-Dur op. 28 (Pastorale) 00:29:13
8Klaviersonate Nr. 16 G-Dur op. 31 Nr. 1 00:25:18
CD/SACD 6
1Klaviersonate Nr. 17 d-Moll op. 31 Nr. 2 (Der Sturm) 00:25:15
4Klaviersonate Nr. 18 Es-Dur op. 31 Nr. 3 (Die Jagd) 00:22:59
8Klaviersonate Nr. 19 g-Moll op. 49 Nr. 1
CD/SACD 7
1Klaviersonate Nr. 20 G-Dur op. 49 Nr. 2 00:08:44
3Klaviersonate Nr. 21 C-Dur op. 53 (Waldstein-Sonate) 00:27:33
3Klaviersonate Nr. 25 G-Dur op. 79 00:08:39
6Klaviersonate Nr. 22 F-Dur op. 54 00:12:49
8Klaviersonate Nr. 23 f-Moll op. 57 (Appassionata) 00:24:10
CD/SACD 8
1Klaviersonate Nr. 24 Fis-Dur op. 78 00:10:52
3Klaviersonate Nr. 25 G-Dur op. 79 00:08:39
6Klaviersonate Nr. 26 Es-Dur op. 81a (Les Adieux) 00:18:54
9Klaviersonate Nr. 27 e-Moll op. 90 00:14:40
CD/SACD 9
1Klaviersonate Nr. 28 A-Dur op. 101 00:21:44
5Klaviersonate Nr. 29 B-Dur op. 106 (Hammerklaviersonate) 00:50:56
CD/SACD 10
1Klaviersonate Nr. 30 E-Dur op. 109 00:20:23
10Klaviersonate Nr. 31 As-Dur op. 110 00:21:33
14Klaviersonate Nr. 32 c-Moll op. 111 00:30:25
CD/SACD 11
133 Variationen über einen Walzer von Diabelli C-Dur op. 120 (Diabelli-Variationen) 00:58:20
CD/SACD 12
1Klaviersonate Nr. 8 c-Moll op. 13 (Pathétique) 00:16:38
4Klaviersonate Nr. 14 cis-Moll op. 27 Nr. 2 (Mondscheinsonate) 00:15:25
7Klaviersonate Nr. 21 C-Dur op. 53 (Waldstein-Sonate) 00:24:32
10Klaviersonate Nr. 23 f-Moll op. 57 (Appassionata) 00:20:10
CD/SACD 13
1Klaviersonate Nr. 29 B-Dur op. 106 (Hammerklaviersonate) 00:42:06
5Klaviersonate Nr. 32 c-Moll op. 111 00:24:26

Interpreten der Einspielung

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