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CD-Besprechung

George Frideric Handel

Almira

cpo 555 205-2

4 CD • 4h 02min • 2018

23.12.2019

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Georg Friedrich Händel war 18 Jahre alt, als er von Halle nach Hamburg kam, wo er an Reinhard Keisers Theater am Gänsemarkt im Orchester Theatererfahrungen sammelte. Als der Prinzipal vor seinen Gläubigern nach Weißenfels floh, ergab sich für den Neuling die unverhoffte Chance, die von diesem begonnene Oper Almira, Königin von Kastilien, deren Dekorationen bereits in Arbeit waren, zu Ende zu führen. Der große Erfolg des Stücks, das am 8. Januar 1705 herauskam, ermutigte ihn, gleich eine weitere Oper (Nero) in Angriff zu nehmen, die jedoch durch Keisers Intrige nicht zur Aufführung kam.

Das von Friedrich Christian Feustking für Hamburg eingerichtete, aus Venedig stammende Libretto entwickelt einen höfischen Liebesreigen, wie es in der damaligen Oper viele gab. Die junge Königin Almira soll nach dem letzten Willen ihres Vaters einen Sohn ihres Vormunds Consalvo heiraten, doch sie liebt ihren Sekretär, den Findling Fernando. Osman, mit der Prinzessin Edilia verlobt, lässt diese sitzen, weil er sich als Consalvos Sohn gute Aussichten auf die Krone verspricht. Prinzessin Bellante wiederum liebt Osman heimlich, aber hoffnungslos, muß sich stattdessen der Werbungen Consalvos erwehren. Raymondo, König von Mauretanien, kommt nach Kastilien, um Almira einen Antrag zu machen. Doch sie weist ihn ebenso ab wie zuvor Osman. Am Ende findet jedes Töpfchen sein Deckelchen. Fernando wird als Consalvos verschollener Sohn erkannt und damit Almiras legitimer Prinzgemahl, Raymondo tröstet erst die verschmähte Edilia und sich dann mit ihr, und der ungetreue Osman, der sich bei beiden Damen unmöglich gemacht hat, nimmt nur zu gerne Bellantes Liebe an. Consalvo zügelt notgedrungen seinen Johannistrieb und erfreut sich seiner Rolle als Vater und Schwiegervater.

Dieser turbulent-verwickelten, trotz heftig aufbrandender Leidenschaften eher komödienhaften Handlung gewinnt der junge Händel vier Stunden hochkarätiger Musik ab, die auch den heutigen Hörer durch ihren Reichtum an musikalischer Abwechslung in keinem Augenblick ermüdet. Selbst wenn man einrechnet, dass er Teile des Keiserschen Fragments in die Komposition einbeziehen konnte, ist seine schöpferische Potenz und seine gestalterische Phantasie im Melodischen wie in der Instrumentierung Staunen erregend. Der musikalische Stil ist kosmopolitisch. Das deutsche Element kommt besonders in den Orchester-Rezitativen zum Tragen, die bruchlos in die meist kurzen Arien übergehen und den Sängern teilweise auch stimmliche Ornamente abverlangen. Die großen Tableaux und die Tanzszenen, kulminierend in einer „Prozession der Kontinente“ im 3. Akt, lehnen sich an die französische Oper der Zeit an. Überraschend enthält Almira aber auch zahlreiche virtuose dacapo-Arien in italienischer Sprache, die den Solisten jeweils einen fulminanten Abgang von der Szene verschaffen. Dieses Stilgemisch war allerdings kein Spezifikum dieses Werks, sondern charakteristisch für die Hamburger Oper.

Erstlingswerk eigener Prägung

Der Händel der Londoner Jahre ist in diesem Erstling schon in nuce enthalten. Bereits hier zeigt sich ein eigener, vom Vorbild Keisers sich lösender Stil. Einige Nummern hat er in späteren Werken wieder verwendet, das prominenteste Beispiel ist wohl die Sarabande des 3. Aktes, die uns in der populär gewordenen Arie „Lascia ch’io pianga“ aus Rinaldo wieder begegnet.

Die Bremer Studio-Aufnahme kommt einer wirklichen Wiederbelebung gleich. Sie basiert auf einer Bühnenproduktion des Boston Early Music Festival von 2013 (in teilweise identischer Besetzung). Einige Ausschnitte daraus sind auf youtube zu bewundern und lassen auf eine zwar historisierende, aber theatralisch lebendige Inszenierung (Gilbert Blin) schließen. Diese Lebendigkeit vermittelt auch die vorliegende Tonkonserve. Das Orchester des Bostoner Festivals unter den Spezialisten Paul O’Dette und Stephen Stubbs entfaltet die Pretiosen der Partitur, insbesondere die wunderbaren instrumentalen Soli in der Begleitung der Arien; die beiden Maestri finden in Tempo und Agogik das richtige Maß, fernab von akademischer Trockenheit, aber auch immun gegen rhythmische und dynamische Zuspitzungen. Die Sänger sind durchweg am richtigen Platz. Emöke Baráth verströmt als Almira lyrischen Wohllaut, die dankbarere Rolle hat gleichwohl Edilia, eine vorweg genommene Donna Elvira, für deren Wutausbrüche und Rachedrohungen Amanda Forsythe das notwendige Temperament mitbringt. Die drei Tenöre sind genügend unterscheidbar. Colin Balzer als Fernando ist der angemessen gefühlvolle Partner Almiras, während Zachary Wilder für den fiesen Osman die richtigen Charaktertöne findet. Mit feinem Humor zeichnet Jan Kobow den Diener Tabarco. Christian Immler zeigt in der Vaterrolle genügend stimmlichen Schmelz, um für Bellante in Frage zu kommen. Die gebührend naiv klingende Teresa Wakim gibt aber stückbedingt ihrem nicht ganz ebenbürtigen Fachkollegen Jesse Blumberg den Vorzug. Das umfangreiche Booklet enthält zwei sehr informative Essays zur Entstehung des Werks und zu Händels Werdegang vor seiner Londoner Zeit.

Ekkehard Pluta [23.12.2019]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Georg Friedrich Händel
1Almira, Königin von Castilien HWV 1 04:01:55

Interpreten der Einspielung

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