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CD-Besprechung

à la française

Duos der französischen Romantik für Kunstharmonium & Klavier

Christophorus CHR 77419

1 CD • 76min • 2016

02.04.2018

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Dieses Instrument klingt irgendwie vertraut, aber setzt sich doch konsequent zwischen alle Stühle: Durchaus wie ein Akkordeon entfaltete es manchmal eine fast jahrmarkt-ähnliche Verspieltheit, zeigt sich dann aber auch einer viel größeren expressiven Spektrum gewachsen: Die Rede ist vom Kunstharmonium, das im 19. Jahrhundert geschaffen wurde – in einer Zeit, als die Nachfrage nach kleinen Instrumenten für den Hausgebrauch besonders groß war. Nicht zuletzt in Frankreich, wo der französische Harmoniumbauer Victor Mustel gut im Geschäft war. Entsprechend lenkte dieser Instrumentenbauer auch die Aufmerksamkeit vieler Komponisten, vornehmlich aus dem vibrierenden Pariser Musikleben, auf dieses damals sehr beliebte und keinesfalls „exotische“ Instrument.

Jan Hennig bringt das Kunstharmonium im Heute zum Klingen und bildet auf der vorliegenden CD ein Duo mit dem Pianisten Ernst Breidenbach. Beide machen sich hier in bestem Sinne verdient, dieses kleine, aber feine Nischenkapitel für den heutigen Hörer zu erschließen.

Man kennt heute kaum mehr Namen wie Marie Prestat, Ernest Pulain oder Charles Loret. Aus deren Feder kommen sehr kurzweilige, aber zuweilen erstaunlich differenziert ausgeführte, selten wirklich tiefschürfende, aber doch beachtlich subtile Charakterstücke. Marie Prestats Marche nuptiale trumpft hymnisch auf, leistet sich aber auch so manch empfindsames Zwischenspiel. Ernest Polains Méditation breitet erst ein nachdenkliches Rezitativ aus, bevor silbrig glänzende Harmonium-Töne eine kantable Linie darüber legen – so kann man ins Schwelgen und Träumen kommen!

Ein liedhaftes Charakterstück, in dem sich überaus feingliedriger Variantenreichtum auftut, ist Charles Lorets Berceuse. Albert Seitz spannt danach in einem über zehnminütigen Lamento einen weit gesteckten, mal sehr formstreng polyphonen, zugleich sinfonisch-konzertanten Bogen. Nicht zuletzt das Harmonium entfaltet hier eine immense Ausdrucksbandbreite von zartem silbrigen Filigranklang bis ins mächtige Orgeltutti hinein. Spätestens hier muss eine zentrale Innovation jenes Druckwindharmoniums erwähnt werden, welches von Alexandre-François Debain erfunden und von Victor Mustel weiter entwickelt wurde. Mustel hat nämlich die Registrierungsmöglichkeiten maßgeblich erweitert. So können auch innerhalb eines Manuals in zwei getrennten Sektionen unterschiedliche Klangfarben eingestellt werden und sogar die linke und rechte Hand in verschiedener Lautstärke spielen. Jan Hennig nutzt dieses Potenzial in bestem Sinne aus, wenn er zum Dialogpartner des Pianisten Ernst Breidenbach wird, der übrigens - historisch korrekt - einen Erard-Flügel aus dieser Zeit spielt. Also wird zu einem überaus variantenreichen Diskurs, was vielleicht bei den ersten Tönen dieser CD noch etwas spielzeughaft anmutete: Auf jeden Fall sollte sich der Hörer eingeladen fühlen, alles aufmerksam zu hören, um diese ganze Vielfalt zu erfassen! Dazu animieren auch die weiteren Kompositionen ein: Etwa Jean-Baptist Mathias Georges Spetz Charakterstück Albumblatt, eine Polonaise von Ignace Leybach oder Charles Gounods Fantaisie sur L`Hymne National Russe. Schließlich beendet Marie Prestas Prélude et Fugue das Programm der CD – hier könnten beide Interpreten vielleicht etwas getragener und nicht ganz so impulsiv aufspielen, um dadurch mit einem echt „barock-affinen“ Gegenpol zu den vielen Zeugnissen einer höchst lebendigen Musikkultur im Paris des 19. Jahrhunderts zu schließen.

Stefan Pieper [02.04.2018]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Marie Prestat
1Marche nuptiale op. 5 00:05:54
Ernest Poulain
2Méditation op. 75 00:06:59
Charles Loret
3Berceuse 00:03:35
Albert Seitz
4Lamento op. 45 00:10:28
Adolphe Blanc
5Sonate op. 55 00:21:55
Jean-Baptiste Mathias Georges Spetz
9Albumblatt 00:02:34
Laetitia Sari
10Causerie op. 23 00:03:38
Ignace Leybach
11Polonaise 00:04:49
Charles Gounod
12Fantaisie sur L'Hymne National Russe 00:09:16
Marie Prestat
13Prélude et Fugue op. 28 00:05:40

Interpreten der Einspielung

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