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CD-Besprechung

cpo 777 825-2

2 CD • 1h 33min • 2012

13.06.2013

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

„Dass ein Musiker vom Rang des Herrn Gouvy in Paris noch so wenig bekannt ist, während Schwärme von Mücken das Publikum mit ihrem hartnäckigen Gesumm belästigen, das muss die naiven Geister verblüffen und empören, die noch an den Verstand und die Gerechtigkeit unserer musikalischen Sitten glauben." Mit diesen Worten brach Hector Berlioz 1851 im "Journal des Débats" eine Lanze für seinen Kollegen Théodore Gouvy (1819-1898). 30 Jahre später, als in Leipzig sein Oratorium Oedipe à Colone uraufgeführt wurde, galt Gouvys Name sowohl in Frankreich etwas wie auch in Deutschland, in dessen Grenzen sowohl sein 1815 an Preußen gefallener Geburtsort Goffontaine (heute der Saarbrücker Stadtteil Schafbrücke) wie auch – nach dem Krieg von 1870/71 – sein lothringischer Wohnort Oberhomburg (heute Hombourg-Haut) lag – dort liegt der Komponist auch begraben.

Schon bei seiner Ausbildung legten sich dem deutsch-französischen Grenzgänger Steine in den Weg: Ein Studium am Conservatoire in Paris war ihm durch den Umstand verwehrt, dass er kein französischer Staatsbürger war – glücklicherweise ermöglichte ein ausreichend großes Vermögen ein Privatstudium sowie die Finanzierung der öffentlichen Aufführung seiner seit 1841 entstehenden Kompositionen. In Deutschland kam die Anerkennung früher, Leipzig wurde zu einem wichtigen Aufführungsort für Gouvys Musik, wo ja auch dieses Oratorium am 6. Dezember 1881 bei fast überfülltem Saal erstmals erklang. Die "Allgemeine Zeitung" lobte an dem geborenen Franzosen Gouvy, dass er deutschen Ernst mit der Eleganz seines Vaterlandes zu verbinden verstehe, wie Joachim Fontaine in seinem Artikel über den Komponisten in "Die Musik in Geschichte und Gegenwart" vermerkt. Théodore Gouvy verband ein intensives Beziehungsnetz mit zeitgenössischen Kollegen, beispielsweise über brieflichen Kontakt mit u. a. Saint-Saëns, Liszt, Brahms und Hiller.

Bald nach seinem Tod 1898 in Vergessenheit geraten, leitete die Wiederentdeckung des 1994 in Paris erstmals nach über 100 Jahren wieder aufgeführten Requiems op. 70 eine Gouvy-Renaissance ein, die schon 1995 zur Gründung des in Hombourg-Haut angesiedelten Institut Théodore Gouvy führte. Joachim Fontaine gehört zu den Protagonisten, denen die Musikwelt die Wiederbegegnung mit dem Komponisten verdankt. Neben seinem Lexikon-Artikel im MGG über Gouvy sind bis zu dieser Einspielung noch seine Aufnahme des Stabat Mater und des Oratoriums Iphigénie en Tauride zu nennen, für letztere erhielt er 2011 den Schallplattenpreis "Orphée d'Or" der Académie du Disc Lyrique.

Oedipe à Colone folgt dem Stoff der Tragödie des Sophokles nach dem Libretto der tragédie lyrique gleichen Namens, die Antonio Sacchini, Lieblingskomponist der Königin Marie Antoinette, 1786 auf die Bühne des Schlosses in Versailles brachte. Im Unterschied zur ausweglosen Schicksalhaftigkeit der antiken Vorlage beruht das französische Libretto auf einer aufklärerischen Umdeutung, in der die Tugend und die Standhaftigkeit des Titelhelden angesichts der göttlichen Rache in den Vordergrund gestellt werden und die auf den französischen Klassiker Pierre Corneille zurückgeht.

Die an Kontrasten eher arme Textvorlage erhält in Gouvys musikalischer Deutung des Stoffes deutlich dramatische Kontur. Eine fast psychologisch zu nennenden musikalische Schilderung des Innenverhältnisses von Ödipus und seiner Tochter Antigone bestimmt nach einem festlichen ersten Akt den weiteren Verlauf des Oratoriums. So entsteht eine theatralische Spannung, die dem Libretto fehlt und die Joachim Fontaine in seiner Interpretation hervorragend zum Ausdruck bringt. Die Solistenbesetzung verleiht ihren Rollen opernhaft dramatisches Profil: Die Sopranistin Christa Ratzenböck wagt als Antigone stimmliche Größe, ohne durch Klangschärfe zu stören, der volltönende Bass von Vinzenz Haab verleiht dem Ödipus Würde und gestalterische Tiefe, Joseph Cornwell wartet als Polyneikes mit einer für das französische Repertoire passend hellen Tenorstimme auf, man nimmt ihm die Zerrissenheit ab, in die ihn seine fatale Sohnesrolle dem Vater gegenüber gestürzt hat. Stephen Roberts singt mit wohlklingendem Bariton, gelegentlich aber etwas zu starkem Vibrato den Part des noblen Königs Theseus. Joachim Fontaines Kantorei Saarlouis folgt ihrem Leiter vorzüglich bei der Umsetzung der Partitur und erfüllt die vielfältigen dramaturgischen Rollen, die Gouvy ihm zuweist; ebenso vorzüglich ist das Orchester La Grande Société Philharmonique, das seinen Namen übrigens der Musikervereinigung verdankt, die Hector Berlioz als eines der ersten französischen Sinfonieorchester gründete.

Alles in allem sollte diese Doppel-CD nicht nur diejenigen interessieren, die sonst schon alles haben. Sie hat alle Ingredienzien, heutige Hörer nachvollziehen zu lassen, was das Publikum der Uraufführung begeisterte und Gouvy zu dem Geständnis verleitete, dieser Tag sei „der glücklichste Tag seines Lebens".

Detmar Huchting [13.06.2013]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Louis Théodore Gouvy
1Oedipe à Colone op. 750 (dramatisches Oratorium)

Interpreten der Einspielung

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