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CD-Besprechung zum Thema
Russische Klaviermusik

Acousence Classics ACO-CD 11312

1 CD • 64min • 2012

03.04.2013

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Wer als junge japanische Pianistin im anspruchsvollen Rahmen des Moskauer Rachmaninoff-Wettbewerbs nicht leer ausgeht, sondern mit dem dritten Preis ausgezeichnet wird, der darf für sich beanspruchen, dem musikalisch ur-russischen Thema durchaus entsprochen zu haben. Denn erfahrungsgemäß verhalten sich vor allem die einheimischen Juroren schon vor den ersten Takten des Kanditaten abweisend, zumindest ihren Jurorennachbarn Skepsis signalisierend, wenn ein Ausländer – ein ästhetischer Fremdling! – sich etwa mit Etüden, Préludes oder am Ende gar mit einem der ersten drei Klavierkonzerte auf die Bühne wagt. Es verhält sich dort und auch an anderen Brennpunkten der russischen Pianistenauslese nicht anders als wie vor 20, 30 Jahren auf polnischem Klavierterritorium, wo man so gut wie ausnahmslos davon ausging, dass nur ein gebürtiger Pole dazu berufen sei, richtig und wahrhaft Chopin interpretieren zu können.

Die hier auf dem Label Acousence vorgestellte, zunächst am College of Music High School in Tokyo ausgebildete Junko Inada beendete den erwähnten Wettbewerb auf dem dritten Rang. Der Vermerk im Begleitheft, der zweite Platz sei nicht vergeben worden, sollte wohl noch zusätzlich die Bedeutung dieser Auszeichnung hervorheben. Man kann getrost annehmen, dass ein echter Sieger gekürt worden ist…

Ihr Konzertexamen legte Junko Inada an der École Normale de Musique de Paris ab. Sie dürfte in dieser Phase ihrer studentischen und sicher auch schon professionellen Laufbahn ein sozusagen handfestes Auge auf das Schaffen Rachmaninoffs geworfen haben. Ihr technisch wie musikalisch extrem anspruchsvolles CD-Programm zeigt ein in allen Aufgaben der detaillierten Charakterisierung von Stimmungen und farblichen Schattierungen, aber auch der Markierung von strukturellen Auffälligkeiten beherrschtes Handwerk. Der Aufbau der von Rachmaninoff fälschlich auf Corelli bezogenen Variationen (op. 42) gelingt Inada ohne wesentliche Spannungseinbußen. Sie investiert gesunde Kraft für die muskulösen Passagen und verfügt über eine gute Portion an Empfindsamkeit für die sentimentalen, gelegentlich sogar larmoryanten Wegstrecken. Im Bemühen – so scheint es mir – immer das Richtige zu tun, sich also nicht unnötig der Kritik auszusetzen, fehlt es mir in den technisch besonders exponierten Variationen an prägender Nervosität, an letzter Entschlossenheit und auch an jener stimulierenden Klangdiffusität, die man mit dem Begriff indirekter Beleuchtung umschreiben könnte. Es ist der ganz spezielle Rachmaninoff-Ton, der sich etwa einstellt – und dadurch auch in Erinnerung bleibt –, wenn etwa ein Horowitz, ein Sviatoslav Richter oder einst der junge Vladimir Ashkenazy das Unerklärliche mit einem einzigen, sanft angeschlagenen Akkord zu erklären wussten.

Wer die zahlreichen Einspielungen der Corelli-Variationen zum Vergleich heranzieht, der wird an den beiden Versionen von Vladimir Ashkenazy nicht vorüber gehen. Das althergebrachte „La follia“-Thema gewinnt bei ihm eine gleichsam vielsagende Unbestimmtheit. Eine retrospektive und zugleich vorausblickende Labilität, aus der sich die Abwandlungen bald träumerisch, bald gewaltsam entwickeln. Beide Einspielungen gehören meiner Meinung nach zum Besten des gesamten Ashkenazy-Katalogs.

Imponierend ist es, wie Junko Inada die weitgriffigen, physisch überaus anstrengenden Préludes op. 32 bewältigt, wie sie den Akkordmassiven des finalen Stückes die Stirn bietet. Hier bleibt Alexis Weissenberg zwar das Maß aller Dinge, aber Junko Inada zieht sich mit agilem Anstand aus dieser schweißtreibenden Affäre. Im Verlauf der nonverbalen Gesangsszene op. 34,14 ist die pianistisch-melodische Welt in schönster Ordnung. Die Pianistin hat in diesem Fall nicht die inzwischen oft gespielte Transkription von Zoltán Kocsis gewählt, sondern eine ebenso sachdienliche von Alan Richardson.

Vergleichsaufnahmen: Corelli-Variationen: Ashkenazy (Columbia LP 33 WSX 507; Decca LP SXL 6604, bzw. Decca 417 671-2), L. Berman (DG LP 2531 276), Biret (Decca 7.143), J.-Ph. Collard (EMI LP 1 C 147-52630/31), Shelley (Hyperion CDA 66009), B. Glemser (Oehms OC 558), J. Margulis (Ars Musici AM 1362-2), Harada Hideyo (audite SACD 92.569), Lill (Nimbus Records 5478), F. Kempf (BIS-SACD-1810), Pompa-Baldi (1. Version 1931 /Centaur CRC 3062), X. Wang (Chandos 10724); Prééludes op. 32: Weissenberg (RCA LP GD 60568), Anievas (EMI 1 C 191-02 705/06), Ashkenazy (Decca LP 6.35297 DX, bzw. Decca 414 417-2), Katin (Olympia OCD 110A + B), Brautigam (etcetera KTC 2013), Petkova (Challenge Records CC 72168), Fiorentino (APR 5585), Zilberstein (DG LP 427 766-2), Osborne (Hyperion CDA 67700).

Peter Cossé † [03.04.2013]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Sergej Rachmaninow
1Variationen über ein Thema von Arcangelo Corelli op. 42 00:17:31
24Vocalise E-Dur op. 34 Nr. 14 (Orchesterfassung 1912) 00:06:00
2513 Préludes op. 32 00:40:16

Interpreten der Einspielung

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