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CD-Besprechung

Ramée RAM 0806

1 CD • 82min • 2007

18.11.2008

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Es ist merkwürdig, daß gerade der volkstümliche, kinderfreundliche Sankt Nikolaus im vorweihnachtlichen Brauchtum kaum eine Rolle in der überlieferten Kirchenmusik spielt. Neben Benjamin Brittens Opus 42 Saint Nicolas (1948) erfuhr man bisher allenfalls aus der Fachliteratur zur Geschichte des Oratoriums und aus biographischen Lexikonartikeln über den Barockmeister Giovanni Battista Bononcini (1670-1747) von der Existenz eines größeren Nikolaus-Oratoriums San Nicola di Bari im neapolitanischen Opernstil. Der zum Titel des Werkes gehörende Hinweis auf die süditalienisch-apulische Hafenstadt Bari hängt mit der dortigen Ruhestätte der Gebeine des Heiligen und einstigen Bischofs von Myra (aus dem 4. Jahrhundert) als hoch verehrte Reliquien zusammen. Sie wurden im Jahre 1087 von Seeleuten vor dem erobernden Zugriff der Seldschuken im anatolischen Myra gerettet. Nun feiert endlich auch die „Reliquie“ eines Nikolaus-Oratoriums aus dem 17. Jahrhundert eine Auferstehung aus dem Grabe dahindämmernder Archivschätze in Brüssel, London, Florenz, Wien und Olmütz. Es bedarf keiner großen Umschweife, um das Projekt einer CD-Aufnahme als eine historisch verdienstvolle und künstlerisch außerordentlich zu begrüßende Tat zu würdigen. Nahezu jeder Takt dieser Einspielung beweist es.

Zum Inhalt: Beide Vertonungen, Brittens moderne und Bononcinis barocke, stellen nicht die überlieferten Legenden und Wunder des Heiligen in den Mittelpunkt ihrer musikalischen Verkündigung, sondern schaffen fast pädagogisch zu nennende Beispiele von Kanzelverkündigungen christlicher Moraltheologie. Bononcinis Librettist Silvio Stampiglia (1664-1725) schildert die elterlichen Bemühungen, ihren Sohn, den jugendlich-pubertären Nicola, zu einem tugendhaften Leben anzuhalten. Seinem rührend artigen „Mia Genitrice“ (Ja, Mama) und „o Padre“ (Ja, Papa) steht jedoch das Ideal vom Leben eines Heiligen bereits deutlich vor Augen. Zur dramatischen Gegenfigur gehört sein gleichaltriger Freund Clizio, der den Genuß aller sündhaften Verführungen als ein Vorrecht der Jugend preist. Im Widerstreit der Rezitative und Arien, deren musikalische Ausdrucksvielfalt von Bononcini meisterhaft beherrscht und von den Interpreten klangschön und gestalterisch überzeugend umgesetzt werden, endet das Oratorium folgerichtig mit einer Bekehrung des „Sünders“ Clizio.

Soweit sich für den modernen Zuhörer Schwächen aus der Anlage des Werkes ergeben, bedarf es einiger Orientierungshilfen, die die ausführliche Textbeilage auch bieten. So sind vor allem die sehr ähnlich klingenden Sopranpartien von Mutter und Sohn Nicola im Dialog nur schwer voneinander zu trennen, während der Vater (Baß) und der zu bekehrende Altersgenosse Clizio (Alt) in dieser Hinsicht kein Problem bilden. Dennoch suggeriert die stilisierte Altstimme des Freundes eher einen weiblichen Kontrahenten zur Titelfigur, quasi eine verführerische „Freundin“. Auch das historische Hören will also geübt sein. Im Hinblick auf ein gelegentlich manieristisch wirkendes Beharren aller Beteiligten auf Lehrbuchweisheiten der historischen Aufführungspraxis wirkt die vibratolos gedehnte Starrheit von Haltetönen der Instrumente eher quälend zäh (besonders im langsamen Eröffnungsteil der Ouvertüre). Nicht minder unnatürlich klingt das vibratofreie Einschwingen gehaltener Vokaltöne, die dann mit routinehafter Regelmäßigkeit ein lebendiges Tremolo zu entfalten. Unklar bleibt, ob die virtuos eingestreuten, perfekt dargebotenen Koloraturen, Ornamente, Tongirlanden und Verzierungen der Vokalsolisten und Continuospieler vom Komponisten so festgehalten worden sind oder ob es sich um Improvisationen und Vorgaben aufgrund anderweitiger Quellen handelt. Dies aber ist eine rein philologische Frage, die den verdienten Beifall zu dieser Produktion nicht schmälert.

Dr. Gerhard Pätzig [18.11.2008]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Giovanni Battista Bononcini
1San Nicola di Bari (Oratorio a quattro con concertino e con grosso)

Interpreten der Einspielung

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