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CD-Besprechung

OehmsClassics OC 909

2 CD • 1h 52min • 2006

23.11.2007

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Vor etlichen Jahren hat eine Weltfirma dasselbe Werk mit einem rechten Staraufgebot veröffentlicht. Ich war nicht beeindruckt. Das ist jetzt, bei dem vorliegenden Live-Mitschnitt von den Ludwigsburger Schloßfestspielen des Jahres 2006, so anders, daß ich die beiden CDs mit ihrer knapp zweistündigen Dauer inzwischen schon zum dritten Male mit stetig wachsendem Vergnügen gehört habe. Der Gründe dafür sind zu viele, als daß sie sich hier würden darstellen lassen: Die Lebendigkeit der Darbietung insgesamt, die exzellent gewählte Besetzung, die dramatisch-dramaturgische Realisation und ganz nebenbei wieder einmal die Entdeckung, daß in der griechischen Antike alle vermeintlich uns Modernen allein gehörenden Fragen, Probleme und Verhaltensweisen nicht vorgebildet, sondern zeitlos und zugleich unendlich viel wuchtiger erkannt sind – diese Eckdaten mögen fürs erste genügen.

Mit Les Danaïdes hat Salieri am 26. April 1784 in Paris insofern einen Skandalerfolg errungen, als das Publikum, wie Martin Haag launig erzählt, durch gezielte Irreführung zunächst glauben mußte, der allseits respektierte Christoph Willibald von Gluck und nicht sein damals 33jähriger Protégé sei der Autor der Musik gewesen. Ursprünglich hätte das auch so sein sollen, doch der Meister kränkelte, lehnte ab, lieferte aber hinter dem Rücken der Öffentlichkeit einen perfekten Ersatz und bescherte durch seine Empfehlung den Zuschauern ein Stück über Phänomene, die niemand wird als „Errungenschaften” der Gegenwart reklamieren dürfen. Ein tyrannischer Feigling – was so viel ist wie ein weißer Schimmel – sorgt sich um sein armseliges Leben, das er am seidenen Faden eines Orakels wähnt. Um sich in Sicherheit zu bringen, erzeugt er vermöge seiner „Autorität” eine Massenpsychose, die die fast völlige Ausrottung seiner blindgläubigen Anhänger zur Folge hat – im vorliegenden Fall handelt es sich um 49 von 50 Töchtern, mithin die überwältigende Mehrheit, die konsequent nur als chorische Menge nebst Chorführerin (Plancippe) dargestellt wird. (Wer genau wen massakriert hat, ist im Gründlichen mythologischen Lexikon von Benjamin Hederich zu finden.)

Widerstand leistet nur die älteste Tochter Hypermnästra, die sich vermöge ihrer echten Liebe zu Lynceus retten kann: Ihre persönliche Integrität wächst in dem Maße, wie sie bereit ist, dem Diktator, seinen Drohgebärden, seinen Racheschwüren und seinem Mordwahn trotz schwerer innerer Kämpfe und unter Einsatz ihres irdischen Lebens die Stirn zu bieten: Danaos wird schließlich so irrsinnig, daß ihm selbst Pelagus, der Hauptmann der Palastwachen, nicht mehr folgt, sondern ihn erschlägt, als er die einzig wertvolle Tochter töten will.

Wenn Danaos in den fünf Aufzügen dieser tragédie lyrique eine Wandlung durchmacht, so ist es die von der verschlagenen Schlange zum rasenden Drachen. Von Anfang an ist er entschlossen, sich nur scheinbar mit seinem Zwillingsbruder Ägyptus zu versöhnen und die fünfzigfache Hochzeit als Falle einzurichten, um sie „alle” (auch das eine Fixiertheit der Despoten) zu kriegen, weil gemäß der Prophezeiung einer ihn töten werde. Auf dieser grundlegenden Lüge bewegt sich das gesamte doppelbödige Werk dahin, das den Ausführenden erhebliches Darstellungsvermögen abverlangt und hier fürwahr fesselnd realisiert wird. Dem Pelagus von Wolfgang Frisch merkt man an, wie es ihm am Ende reicht, bevor er nach einem Akt der Güteabwägung seinem bisherigen Herrscher eins aufs kranke Hirn gibt. Plancippe (Kirsten Blaise), die Repräsentantin der blind befehlsgläubigen Brut, gibt in ihren Auftritten schön die Vorzeigetochter: Nach dem Motto „Vater befiehl, wir folgen dir!” organisiert sie den Bund Danaischer Mädel, von deren Leiden am Ende nur noch die wohlverdienten Schmerzensschreie („Ah!”) künden, da sie von (ihren eigenen?) Dämonen gezwickt und gezwackt werden.

Die klare, gut sitzende Stimme von Christoph Genz in der Partie des Lynceus zeigt sogleich den zwar nicht siegfriedenen, dennoch aber treuen und reinen Helden: der nach und nach erst begreift, welches Lügengeflecht er vor sich hat und welch entsetzliche Not seine geliebte Hypermnästra zwischen (idiotischer) Pflichterfüllung und Neigung auszustehen hat.

Demgegenüber wird schon im ersten Auftritt des Danaos deutlich, daß man keinem seiner freundlichen Worte glauben sollte: Seine Hinterlist, die kein noch so festliches Blendwerk übertönen kann, wird von Hans Christoph Begemann mit seinem fabelhaften Bariton in feinsten Nuancen bis zu dem Punkt der Beinahe-Katastrophe gesteigert – man nimmt ihm die Umgarnung genauso wie die völlig unkontrollierte Rage vor dem finalen Rettungsschlag uneingeschränkt ab. Die Szene im Tempel der Nemesis oder das spätere Beharren auf „väterlicher Autorität” sind nur zwei der bemerkenswertesten Momente in einer Aufführung, die einer zweifellos ganz großen Tragédie lyrique zuteil wird. Friede, Freude, fröhliches Fest, alles ist vergiftet wie beispielsweise das Trinklied, das nicht Gott Dionysos geweiht ist, sondern die todgeweihten Söhne des Ägyptus provozieren soll, sich bis zur Bewußtlosigkeit „abzufüllen”, damit die Bräute sie desto leichter meucheln können.

Den schwankenden Grund hört man auch dort, wo das Orchester allein die Untergangsstimmung beschwört: Schon die gefährliche Ouvertüre verrät ganz ähnliche Qualitäten wie das nur wenige Jahre jüngere Vorspiel zu Mozarts weitaus berühmterem Höllenstück; doch auch so kleine Dinge wie der niedliche Reigen des dritten Aktes, in den unmittelbar vor seinem Ende ein harmonischer Dolch hineinfährt, oder die gepeitschten Synkopen am Anfang des dritten Aktes – die Heiterkeit einer „Flatrate-Party” – sind Vorboten des höllischen Feuers.

Die Krone gebührt freilich, ohne die Verdienste der andern Sänger(innen), des Chores und des Orchesters auch nur im entferntesten schmälern zu wollen, der Hypemnästra dieser Aufführung. Im Gegensatz zu ihrem Vater ist sie die Figur mit der größten Entwicklung – immerhin geht es von der treuen Tochter durch die gewaltigsten emotionalen Pendelschläge hinauf ins Reich der Individualität, weshalb die Tragödie eigentlich ja nach dem stärksten unter den stark gezeichneten Charakteren hätte benannt werden sollen. Und an dieser Stelle kommt Sophie Marin-Degor ins Spiel, um aus Les Danaïdes vollends ein Erlebnis zu machen. Wohin es gehen wird, merkt man spätestens in der bereits erwähnten Tempelszene des zweiten Aktes, in der sie – während ihre Schwestern sich auf des Danaos totalen Krieg einpeitschen lassen – erste Anzeichen von „résistance” an den Tag legt. In der nachfolgenden, ungemein subtil vorgetragenen Arie, in der sie den Vater beschwört, nicht zum Mörder zu werden, lernen wir dann auch noch ganz zwanglos etwas über Sinn und Unsinn der ABA-Arie: Was einem oft wie ein verkrustetes Formschema für virtuose Kanarienvögel vorkommt („Gott, ich sterbe – Ach, stürbe ich doch nicht – Gott, ich sterbe”), ist hier dramatisch und von mir aus auch psychologisch einfach zwingend, denn in der Reprise vermehren sich Angst und Eindringlichkeit, bis man sie mit Händen greifen kann. Wie diese Hypermnästra späterhin auch in jeder Phrase, jeder Nuance ihre Zerrissenheit derart überzeugend vermittelt, daß der endliche Ohnmachtsanfall nicht die zierliche „Ausblendung” eines zartbesaiteten Rokoko-Geschöpfes, sondern der Zusammenbruch einer bis in die letzten Kraftreserven hinein ausgesaugten Persönlichkeit wird. Eine grandiose Leistung in großartigem Kontext!

Nun hat Antonio Salieris Musik die Eigenschaft, sich nicht unbedingt gleich en detail so einzuprägen wie die seines sechs Jahren jüngeren Kollegen aus Salzburg. Man bekommt sie nicht so freigiebig geschenkt, daß man sie einfach nach Hause tragen kann, aber wenn man sich auf Musik wie diese erst einmal eingelassen hat, dann lohnt auch hier den Menschen Göttergunst ...

Zum vollen Klangbild ist nicht viel zu sagen: Kleine Phasen der Übersteuerung halte ich der Hysterie der jungen Damen zugute, ein gelegentliches „Schwimmen” des Chores wird sich in einem großen Raum schwerlich vermeiden lassen. Bei der Redaktion und Gestaltung des Librettos wäre ein bißchen mehr Mühe dienlich und der exzellenten Musik angemessen gewesen. Einmal stimmt die Reihenfolge der Sätze nicht, hätten Trackangaben bei den einzelnen Rezitativen, Arien und Chören geholfen; und die Fußnote ist auch schon so lange erfunden, daß man sie zur Erläuterung gewisser antiker Begriffe hätte benutzen dürfen:

Es sieht einfach merkwürdig aus, wenn man im fortlaufenden Text über eckige Klammern stolpert. Aber vielleicht denke ich ja auch zu gesamtkunstgewerblich?

Rasmus van Rijn [23.11.2007]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Antonio Salieri
1Les Danaïdes (Tragédie lyrique in fünf Akten)

Interpreten der Einspielung

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