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CD-Besprechung

harmonia mundi HMC 901921

1 CD • 65min • 2005

02.08.2006

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 5
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 6

Seit einiger Zeit erscheinen bei harmonia mundi Bruckner-Sinfonien sowohl unter Philippe Herreweghe auf alten wie auch unter Kent Nagano auf neuen Instrumenten. Ob das zwei verschiedene Zyklen werden oder nur ein Bruckner-Gesamtprojekt, war bisher nicht zu erfahren. Andererseits macht es leider auch kaum einen Unterschied, denn die Klangästhetik unterscheidet sich im Resultat allenfalls graduell. Besonders erschreckend finde ich, wenn Tonmeister und Produzenten ihre eigene Klangvorstellung lieber im Endergebnis gleichsam “virtuell” vorstellen, als diese den Erfordernissen der beteiligten Instrumente, des Raums und der Orchesteraufstellung unterzuordnen. Markus Heiland und Andreas Neubronner haben hier das “Kunststück” abgeliefert, in der klanglichen Abbildung (insbesondere im Tutti) ein Orchester auf alten Instrumenten so darzustellen wie ein modernes, etwa eben das von Nagano dirigierte DSO Berlin. Meinem Eindruck nach ist diese Aufnahme vielleicht zu dicht mikrophoniert, und insbesondere in der Realisierung lauter Tutti sehr problematisch: Der Hörer ist im Eingangscrescendo unablässig mit dem Nachpegeln der Lautstärke beschäftigt; das Blech ist auf dieser CD oberhalb eines mezzoforte immer zu laut (und das hat sicher nichts mit Herreweghes an sich kluger Verdoppelung des 1. Horns und der 1. Trompete zu tun). Das Holz ist kaum zu hören, der Streicherklang ungeachtet der räumlichen Trennung der Violinen völlig undifferenziert, die Eigenfarbigkeit besonders der Holzblasinstrumente fast völlig weggefiltert. Schön und natürlich klingen nur leise Passagen, insbesondere im langsamen Satz und im Trio des Scherzo. Das ist ein Trauerspiel, weil Aufführungen von Bruckner Sinfonien auf alten Instrumenten immer noch zu selten sind. Ich hatte mehrmals die Gelegenheit, das Orchestre des Champs-Èlysees mit unterschiedlichen Werken in unterschiedlichen Räumen zu erleben, und so wie auf dieser Produktion (übrigens auch bei der von Bruckners Siebter, HMC 901857), klingt es einfach nicht in Wirklichkeit. Angesichts des akustischen Endergebnisses dieser Aufnahme hätte Herreweghe eigentlich gleich seine Philharmoniker aus Antwerpen nehmen können...

Die Aufführung selbst ist ausgewogen und unaufgeregt, in der Regel flüssig, doch nicht verhetzt musiziert. Mitunter zügelt Herreweghe das Orchester für meinen Geschmack ein wenig zu sehr; andererseits gibt es ein paar erfreulich freie, atmend musizierte Rubati (z.B. Mittelteil des Scherzo und Gesangsthema des Finales). Die dramatischen Steigerungen insbesondere im Kopfsatz und im Finale allerdings wirken nie wie “auf Leben und Tod” gespielt; mitunter hält Herreweghe das Orchester allzusehr dann zurück, wenn es lieber voran möchte. In den Crescendi krankt das Orchester daran, daß insbesondere die Blechbläser sehr oft viel zu früh schon viel zu laut sind und die Höhepunkte dadurch nicht wirklich vorbereitet wirken. Offenbar seit Jahren unausrottbare Defizite in der Homogenität haben die Geigengruppen des Orchesters; besonders störend wirkt sich dies in manchen hohen gesanglichen Linien und in den sehr stereotyp heruntergeschrammelten Tremolo-Klangflächen aus. Wie hilfreich wäre doch hier Celibidaches Dramaturgie eines von Spieler zu Spieler völlig frei empfundenen Tremolo, das sich im Tutti hinreißend mischen kann (vergl. etwa den magischen Anfang der vierten Sinfonie in seiner legendären Aufnahme mit dem Schwedischen Rundfunkorchester, DGG 459 665 2).

Ein Plus dieser Einspielung ist jedoch die Intonation: Bei der Diskussion um alte Instrumente wird oft nicht bedacht, daß die völlig anders gebohrten Blasinstrumente des 19. Jahrhunderts die damals übliche “reine Stimmung” berücksichtigten. Durch ihre Verwendung werden die heutigen Streicher glücklicherweise gezwungen, ihre an die “Kompromißstimmung” des modernen Konzertflügels angepaßten Intonationsmarotten (z. B. bei Leittönen und Chromatik, insbesondere die Angleichung enharmonischer Verwechslungen, bei der beispielsweise ein Fis wie ein Ges klingt) aufzugeben; sie passen sich oft sogar intuitiv der anderen Intonierung historischer Blasinstrumente an. Bruckner klingt daher auf alten Instrumenten (und auch bei diesem Orchester) viel reiner und natürlicher als bei modernen Sinfonieorchestern – auch wenn die hier verlangte Flexibilität insbesondere bei den Angehörigen der Geigengruppen hörbar unterschiedlich ausgeprägt ist, was zu der genannten Inhomogenität beiträgt.

Schließlich läßt auch die Aufmachung etwas zu wünschen übrig. Irritierend ist im Beiheft der Anhang von nicht weniger als 24 Seiten Werbung für praktisch den gesamten erhältlichen Herreweghe-Katalog. Und warum die Sinfonie auf dem Cover groß mit der Nummer “A 95” herausgestellt wurde, ist kaum erklärlich. Die Bezeichnung geht zurück auf die durchnumerierte, unvollständige Werkliste von Max Auer in seiner Bruckner-Biographie von 1923, die jedoch nie ein “offizielles” Werkverzeichnis war; richtig wäre vielmehr die Numerierung von Renate Grasberger, wonach die korrekte Bezeichnung der Sinfonie “WAB 104” lauten müßte.

Dr. Benjamin G. Cohrs [02.08.2006]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Anton Bruckner
1Sinfonie Nr. 4 Es-Dur WAB 104 (Romantische)

Interpreten der Einspielung

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