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CD-Besprechung

ECM 4761941

1 CD • 53min • 2002

16.07.2004

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Bei seiner methodischen Suche nach immer neuen Manifestationen des schöpferisch nutzbaren Wahnsinns ist der Komponist Heinz Holliger jetzt auf den unglückseligen Schweizer Musiker und Maler Louis Soutter (1871-1942) gestoßen, einen jener bedauernswerten Menschen, deren offenbares Talent oder gar Genie mit der unmittelbaren Umgebung so heftig kollidierte, daß sie sich am Ende eingeliefert fanden. Soutter studierte Naturwissenschaften und Architektur, war Violinschüler von Eugène Ysaÿe, unterrichtete zeitweilig in den USA und verdiente nach seiner Rückkehr in die Heimat den Lebensunterhalt als Geiger im Orchester des Genfer Theaters, aus dem Ernest Ansermet bald das Orchestre de la Suisse Romande formte. Soutter muß sich als recht aufsässig gezeigt haben, denn der Chef des neuen Orchesters beförderte ihn von den ersten Geigen ans letzte Pult der zweiten – und dann an die frische Luft. Nach einiger Zeit als vagabundierender Dandy landete der Fünfzigjährige schließlich auf Betreiben seiner Familie in einer Anstalt, wo er in gut zwei Jahrzehnten ein bestürzendes, bewegendes und umfangreiches zeichnerisches und malerisches Œuvre schuf.

Figuren dieser Art faszinieren Holliger schon lange. Ausgestoßene seien das, „Beiseit-Existenzen“: Robert Walser, Adolf Wölffi, dann natürlich der tragische Scardanelli (= Hölderlin im Turm), den Holliger in seinem gleichnamigen Zyklus förmlich seziert, mithin zu eigener Inspiration genutzt hat. Das Schicksal der Betroffenen interessiert ihn dabei wohl nur in dem Maße, wie es sich verwenden läßt. Nie fragt der Komponist, wer denn den Ausgestoßenen ausstieß, wer die Existenz beiseite schaffte, wem die Begabung im Weg war und wer dafür sorgte, daß der „Übergeschnappte“ endgültig überschnappte ...

Von Belang scheinen nur die äußerlich sicht-, hör- oder lesbaren Phänomene, die angsterfüllten Bilder gepeinigter Seelen, die verzweifelten Schreie von Menschen, die anscheinend systematisch in den Ruin getrieben wurden. Ist wirklich so viel Zeit vergangen, seit man Joseph Merrick, den Elefantenmann, auf den Jahrmärkten herumreichte? Und ist es wirklich vermessen, nur einen geringen Unterschied zu jener Art von journalistischem Sensationsvoyeurismus zu sehen, der uns tagtäglich auf fast sämtlichen Fernsehkanälen überfällt?

Heinz Holligers Violinkonzert Hommage à Louis Soutter weckt Widersprüche. Und das nicht einmal aus musikalischen Gründen: Was man tatsächlich hört und erlebt, ist ein recht aufregendes, außerordentlich facettenreiches, von vielen Anspielungen (auch und ganz besonders auf Eugène Ysaÿes dritte Solosonate) durchsetztes, auch für den brillanten Solisten Thomas Zehetmair ungemein dankbares Werk, das bis hin zum kraftlosen Verstummen des vierten und letzten Satzes einer überzeugenden Dramaturgie folgt. Aufbegehren wird man auch nicht, weil Holliger auf ganz listige Weise seinen Auftrag zum 75jährigen Bestehen des Orchestre de la Suisse Romande in eine posthume Attacke auf den großen Gründer des Ensembles ummünzt und ihm so unterschwellig eine Mitschuld am psychischen Absturz Soutters gibt. Nein, was missfällt, ist das Zuschauertum, die nur vermeintliche Anteilnahme an menschlichen Tragödien, dieses „David Helfgott-Syndrom“ (= mein Spinner ist größer als deiner) – ohne den geringsten Versuch echter Hilfe oder, wo das nicht mehr möglich ist, ohne das Bemühen, ähnliche Geschehnisse in Zukunft vermeiden zu helfen.

Immerhin muß man dem Komponisten bescheinigen, daß er in seinem eloquenten, ein wenig exhibitionistischen Text gar nicht erst den Anspruch erhebt, er habe je etwas anderes als ein Violinkonzert im Sinn gehabt. Soutter war ihm ein Quell der Inspiration, der ihn nach eigenen Worten aus seiner vornehmlich langsamen, statischen Musik herauszwang und ihn innerhalb von „acht oder neun Tagen wie im Delirium“ eine „körperliche, tänzerische und motorische Musik“ zustande bringen ließ, die ihre Qualitäten hat. Daher auch die dreifache Zehn: Für das klingende Werk sowie die Interpretation (auch der Solosonate von Ysaÿe), für das recht aufwendig gestaltete Booklet mit den für das Konzert relevanten Bildern Soutters – und für die (vielleicht unbeabsichtigte) Anregung, über die Frage des menschlichen Mitempfindens und die Grenzen der Zurschaustellung auch einmal ohne die täglichen Nachrichten- und Magazinsendungen nachzudenken.

Rasmus van Rijn [16.07.2004]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Eugène Ysaÿe
1Sonate d-Moll op. 27 Nr. 3 für Violine solo (Ballade)
Heinz Holliger
2Violinkonzert (Hommage à Louis Soutter)

Interpreten der Einspielung

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