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CD-Besprechung

Coro COR 16019

2 CD • 1h 45min • 1995

28.04.2004

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Ein Händel-Oratorium ohne die messianische Schlagkraft von großbesetzten Halleluja-Chören, hier sogar reduziert auf den 18köpfigen Kammerchor The Sixteen, reduziert auch auf ein weitgehend verinnerlicht-beseelt agierendes Solistenensemble mit kleinem Barockorchesterchen – sollte da der Kritiker nicht voll zuschlagen? Zu allem Überfluß handelt es sich um eine äußerst blutrünstige und rachedürstende Geschichte, wie sie das Buch Esther im Alten Testament überliefert. Ein idealer Stoff also für den Komponisten Händel, der um das Jahr 1720 auf dem Londoner Gipfel einer durchaus dazu passenden italienischen Operndramatik stand: Esther, eine junge Jüdin, ist zur Gemahlin des Perserkönigs Ahasverus (Xerxes) aufgestiegen und vereitelt mit Hilfe ihres Ziehvaters Mardochai den schrecklichen Plan des Wesirs Haman, alle Juden im Perserreich umzubringen. Dank ihrer Intervention beim König, vor allem aber dank der göttlichen Gnade Jehovas, wird alles Unheil abgewendet.

Die Librettisten von Händels Esther-Oratorium reduzierten allerdings die orientalisch weitschweifende Bibelerzählung auf sechs recht kurzgefaßte Kernszenen. Unter Auslassung aller spektakulären Details widmeten sie sich vorrangig dem „konzertanten“ Seelenzustand der Akteure. Weder hört man daher martialische Chorrufe persischer Krieger noch verzweifelte Arien-Ausbrüche der Bedrohten. Umso mehr ruft die weinerliche Klage des unterlegenen Holocaust-Anregers Haman ein eher unangebrachtes Mitleid hervor. Moderne Ohrenzeugen sind da sehr sensibel geworden.

Mit gelegentlich widersprüchlich wirkender Belcanto-Lyrik folgt Händels Konzept konsequent der barocken Affektenlehre. Und da das Esther-Oratorium als Kompositionsauftrag des Duke of Chandos mit der Auflage verbunden gewesen war, eine Aufführung in der kleinen Sankt-Lawrence-Chapel zu Whitchurch zu ermöglichen, erklärt sich die kammermusikalische Gesamtanlage der Partitur gleichsam von selbst. Der Komponist bezeichnete dieses Werk noch als „Masque“, das damit auch formal als ein Vorläufer der eindrucksvollen Serie seiner späteren, großen Oratorien zu betrachten ist. Die hier vorgelegte Produktion würdigt daher ein weniger bekanntes Händel-Stück, das mit sparsamen, dennoch künstlerisch höchst anspruchsvollen vokalen und instrumentalen Mitteln eine überfällige Wiederentdeckung erfährt. Dem entspricht auch die Einblendung der kurzen, kaum bekannten g-Moll-Oboensonate HWV 404 – mehr Zwischenmusik als Virtuosenstück – zum Abschluß der dritten Szene mit dem Auftritt der jüdischen Priester.

Der Chorleiter, Dramaturg und Dirigent Harry Christopher stellt sich und seine Mitwirkenden in der kleinen Londoner Kirche St.-Jude-on-the-Hill nun mit gewohnter Akribie in den Dienst dieses reizvollen Projekts – mit allen stilistischen und akustischen Erfordernissen, wie sie einst für den Uraufführungsort gegolten haben mögen. Wären da nicht einige irritierende Pegelschwankungen der Aufnahmetechnik, und würden da nicht die nahezu regelmäßig überdehnten Pausen zwischen den einzelnen „Nummern“ die ohnehin rhapsodisch wirkende Handlung zerstückeln, so wären die Bestnoten für die Gesamtbewertung fällig. Hinzuweisen ist aber auch auf die leider nur englische Fassung der wichtigen und ausführlichen Textbeilage.

Dr. Gerhard Pätzig [28.04.2004]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Georg Friedrich Händel
1Esther HWV 50a (Oratorium)

Interpreten der Einspielung

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