Klassik Heute - Ihr Klassik-Portal im Internet

Über uns | Impressum | Kontakt | Sitemap

Suche

Komponisten mit Lebensdaten insgesamt: 3376

William Havergal Brian

engl. Komponist

* 29.01.1876 Dresden, Staffordshire
† 28.11.1972 Shoreham-by-Sea, Sussex

Biographie Diskographie [1] Texte [1] Werke [3]

Text

Opulente Klangfülle

William Havergal Brian (1876–1972)

Musikgeschichte wird, vor allem im gerade vergangenen Jahrhundert der rastlosen Umwälzungen, meist in Trends, Strömungen und Kategorien geschrieben, die stets mit wenigen überragenden Persönlichkeiten in Zusammenhang gebracht werden. Dabei wird gerne übersehen, daß auch viele jener Komponisten, die üblicherweise nicht zu den „ganz Großen“ gezählt werden, Persönlichkeiten sind, deren Werdegang und Werk in keine Schublade paßt, sondern eine eigene Kategorie begründet. Vom musikalischen Establishment hartnäckig ignoriert, schuf er 32 Sinfonien und sechs große Bühnenwerke von teils gigantischen Ausmaßen und bis ins Greisenalter nicht versiegender, stupender Originalität: Bis heute ist Havergal Brian weniger für seine Musik berühmt als für deren rekordträchtige Begleitumstände.

Seine erste Sinfonie, The Gothic, komponiert zwischen 1919 und 1927, dauert üblicherweise fast zwei Stunden, worunter eine gewaltige Vertonung des Te Deum den Hauptteil bildet, und verlangt eine riesige Besetzung von wenigstens 197 Instrumentalisten (darunter vier separate Blechbläsergruppen) und 500 Sängern. Mit diesen Vorgaben ging sie ins Guinness-Buch der Rekorde ein, kam jedoch erst 34 Jahre nach der Vollendung 1961 in London zur Uraufführung. Die erste professionelle Aufführung des sinfonischen Kolosses leitete 1966 Adrian Boult in der Royal Albert Hall anläßlich des 90. Geburtstags des Komponisten. Das andere sensationsheischende Faktum ist Brians ungeheuerliche Altersproduktion: Allein 22 Sinfonien schuf er mit über 80 Jahren. Die genannte Gothic Symphony schloß er mit 51 Jahren ab, und selbst dann sollte es noch weitere 27 Jahre dauern, bis erstmals eine seiner Sinfonien gespielt wurde. Man traute ihm als einem Sproß der „working class“ und weitgehenden Autodidakten nicht einmal wirkliche Professionalität zu.

The Gothic ist das Gegenteil eines epigonalen, dick aufgetragenen Riesenwerks. Schon in diesem sinfonischen Erstling ist die generelle Charakteristik Brians, die absolute Unvorhersehbarkeit der Entwicklung, voll ausgebildet. Es geht immer anders weiter als man vermuten würde. Brians Sinfonien sind ausnahmslos Abenteuertrips, führen „towards the unknown region“. Alles ist hochdifferenziert, kühn in der assoziativen Verbindung, nie der naheliegenden Anziehungskraft von Mahler, Strauss oder Elgar unterworfen.

Nach seiner Gothischen schrieb Brian weitere großangelegte Sinfonien von meist einer knappen Stunde Länge. Die Behauptung ist nicht unberechtigt, daß diese tatsächlich von Werk zu Werk immer eigentümlicher und damit auch auf Anhieb schwerer zugänglich wurden.

So sehr die tonalen Bausteine seiner Musik durchaus aus der Tradition stammen, so unkonventionell ist die Verknüpfung zu zusammenhängenden Abschnitten oder gar einem sinfonischen Ganzen. Daher wurde ihm von Seiten der konservativen Kritik „Formlosigkeit“ vorgeworfen, wogegen die Fortschrittsästheten das „Festhalten an tonalen Wirkungen“ bemängelten. In der dritten Sinfonie kann man auf höchst faszinierende Weise mitverfolgen, wie variativ aneinandergereiht leicht Faßliches in Fremdartiges, scheinbar Traditionelles in wahrhaft Unerhörtes umkippt, alles in brillanter und oftmals bizarrer Instrumentation. Die vierte Sinfonie, eine 1931-1932 parallel zu Hitlers Machtergreifung entstandene Vertonung des 68. Psalms in Luthers Übersetzung, trägt den deutschen Titel Das Siegeslied. Und welche Koinzidenz: nach feierlich barockisierendem Beginn in der Art eines verwegen modernisierten Händel-Stils erreicht die Musik schnell die Gefilde von Schmerz, Klage, Verzweiflung und Schrecken. Diese Sinfonie sollte die letzte sein, in der Gesang vorkommt. Doch war Brian auch im Operngenre sehr produktiv. Sein erstes Hauptwerk vor der Gothic war die satirische Oper The Tigers (1917-1919). Die darauffolgende Konzentration auf das Sinfonische wurde 1937-1944 von dem vierstündigen Lyrischen Drama Prometheus Unbound nach Shelley (dessen Partitur verschollen ist) sowie 1949-1957 durch die Komposition der vier Opern Turandot, The Cenci, Faust und Agamemnon (letzterer als Einakter vor Strauss’ Elektra zu spielen; Brian: „Wenn Sie wissen wollen, wo Elektra herkommt…“) unterbrochen. Keines dieser Werke, die zum Teil bis heute nicht erklungen sind, ist in einer Aufnahme erhältlich.

William Havergal Brian wurde am 29. Januar 1876 in Dresden, Staffordshire geboren. Dem Milieu der Arbeiterklasse entstammend, konnte er nur bis zum zwölften Lebensjahr die Schule besuchen. Sein Vater spielte Bassett-horn und Bariton in einer Militärkapelle – von daher rühren wohl Brians lebenslange Anklänge an Militärmusik. Er zeigte vielseitige musikalische Begabung und lernte Geige, Cello, Klavier und Orgel. Obwohl er keine übliche akademische Ausbildung genoß, erwarb er sich bald beeindruckendes kompositorisches Können und blieb zugleich von den Fesseln der Konvention verschont. Schon in den frühen, nach der Jahrhundertwende geschriebenen Orchesterwerken hat er seinen unverkennbar eigenen Tonfall. Vor dem Ersten Weltkrieg führten ihn Dirigenten wie Henry Wood, Thomas Beecham oder Granville Bantock auf (letzterer auch noch in späteren Jahren). Die lange Geschichte von Brians Mißerfolgen begann 1913 mit dem Scheitern seiner ersten Ehe und dem Zerwürfnis mit seinem großzügigsten Gönner. Als Familienvater in zweiter Ehe verheiratet, hangelte er sich am Existenzminimum entlang und brachte es notgedrungen zu beträchtlicher Bekanntheit als Musik-Journalist.

Als der später als Sinfoniker maßgebliche BBC-Redakteur Robert Simpson Anfang der fünfziger Jahre Partituren vernachlässigter Kollegen prüfte, stieß er auf Brians 1949 komponierte achte Sinfonie und war überwältigt von der Originalität dieser Musik, die einer anderen Welt zu entstammen schien. Nun betrieb Simpson die Aufführung von Brians Werken und löste damit in diesem einen sinfonischen Schaffensschub aus, der sich in 22 weiteren Sinfonien niederschlug, die seit der Achten in der Form kompakter und knapper, im Inhalt jedoch keineswegs schlichter und eingängiger geworden sind. Noch zu Lebzeiten Brians konnte Simpson durchsetzen, daß die BBC sich verpflichtete, sämtliche Sinfonien Brians mit ihren Orchestern aufzunehmen. Er hatte es, bevor er mit beinahe 97 Jahren starb, wenigstens in informierten Kreisen zu dem Ruf gebracht, einer der eminentesten Sinfoniker des 20. Jahrhunderts zu sein, und Malcolm MacDonald widmete seinen Sinfonien eine dreibändige Werkmonographie. Sie sind, je später desto mehr, polyphon verwobene Klanglabyrinthe, die einem unergründlichen Plan folgen. Man könnte auch sagen: tönende Dokumente einer abenteuerlichen Innenwelt, eine fortwährende Apotheose des Unerwarteten.

Auswahl-Diskographie Brian Havergal

Christoph Schlüren [1.9.2001]

⇑ nach oben

Impressum Kontakt AGBs Datenschutz Haftungsausschluss Mediadaten Sitemap

© Klassik Heute GbR

jpc