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Komponisten mit Lebensdaten insgesamt: 3376

Franz Schreker

* 23.03.1878 Monaco
† 21.03.1934 Berlin

Franz Schreker war lange Zeit aus dem allgemeinen musikalischen Bewußtsein verschwunden. Er gehörte zur Wiener Moderne der Jahrhundertwende des 19./20. Jahrhunderts, aber alle seine Erfolge als Opernkomponist erzielte er außerhalb Wiens und Österreichs. Wie bei Korngold, Zemlinsky, Schulhoff und Ullmann (der in Auschwitz umkam), galt sein Werk bei den Nazis als "entartete Musik" und wurde verboten. Diese Unterbrechung führte dazu, daß er und sein Werk völlig in Vergessenheit geriet. Doch seit geraumer Zeit tritt er zu recht wieder in das Bewußtsein der Öffentlichkeit. Er starb am 21. März 1934 in Berlin an den Folgen eines Schlaganfalls.

Biographie Diskographie [16] Texte [1] Werke [49]

Text

Ferne Klänge – ganz nah

Franz Schreker (1878–1934)

Franz Schreker galt in den ersten beiden Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts als herausragende Erscheinung der deutschsprachigen Oper neben Richard Strauss. Die Nationalsozialisten brandmarkten ihn als „entartet“.

Eine Oper, an die zunächst keiner glauben wollte, obwohl sich Bruno Walter und Richard Strauss für sie einsetzten: Der Ferne Klang schockierte wegen seiner beunruhigenden Mischung aus gesellschaftskritischem Realismus und hoffmanesker Phantastik, wegen seiner polystilistischen, die Ebenen E und U genial verklammernden Musik, die Einflüsse des italienischen Verismo und des französischen Impressionismus mit einer feinnervigen post-wagnerischen Tonsprache amalgamierte; vor allem aber wegen des exorbitant aufwendigen Venedig-Aktes, in dem Schreker mit einem auf Synästhesie abzielenden Kompositionsverfahren eine Reihe elementarer filmischer Techniken im Medium Oper vorwegnahm: „Zoom“, „Schwenk“, „Blende“ weisen dem Ohr den Weg durch ein hypertrophes, aus zahlreichen voneinander unabhängigen Klangquellen, Tempi und Metren collagiertes akustisches Labyrinth. Mit dem 1902 begonnenen und 1912 schließlich in Frankfurt am Main uraufgeführten Fernen Klang wurde aus dem Wiener Geheimtip Schreker über Nacht eine Berühmtheit. Schreker gelang hier die Schaffung eines neuen, Elemente des wagnerschen Musikdramas mit der szenischen Opulenz und formalen Offenheit der französischen Grand Opéra verknüpfenden Operntyps, den er in seinen folgenden sieben Opern, für die er – wie im Fernen Klang – die Libretti selbst verfaßte, aufgriff und variierte.

Das Unbehagen gegenüber einer im Literarischen verwurzelten Oper, in der, wie er es selbst formulierte, „der Grundgedanke nicht ein absolut die Musik erheischender – nein – die Musik selbst“ sei, ließ ihn zu den orphischen Wurzeln der Gattung zurückkehren. Konsequent erfüllte er Nietzsches Vision einer „Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“. Mit zwei Ausnahmen kreisen seine Opern alle um Musik als klingende Chiffre des Absoluten, um den Klang als mystisch-magische Brücke zwischen musica mundana und musica humana. Fast zwangsläufig stehen Musikerschicksale im Zentrum der autobiographisch gefärbten Handlungen, deren mal symbolistisches, mal veristisches oder märchenhaftes Kostüm die Zeitgenossenschaft Freuds und Schnitzlers verhüllt, aber kaum verdeckt.

Aus dem Phänomen Schreker wurde mit dem Erscheinen von Paul Bekkers Studie zur Kritik der modernen Oper 1919 dann der „Fall Schreker“. Bekkers fundierte Behauptung, dass man in Schreker den eigentlichen Nachfolger Wagners zu sehen habe und nicht etwa in Strauss, Pfitzner, d’Albert oder Humperdinck, entfachte eine kulturkampfartige Debatte, die von Anbeginn antisemitische Züge trug. Schnell wurde aus dem „Messias der Deutschen Oper“ (Cesar Saerchinger, Musical Courier, 1919) der Sündenbock der Musik-Nation.

Vorausgegangen waren 1913 die skandalumwitterte Doppeluraufführung in Frankfurt und Wien des Opernmysteriums Das Spielwerk und die Prinzessin (eine Zauberflöte aus dem Geist des Wiener Fin-de-siècle) sowie die umjubelte Frankfurter Uraufführung der aus der Tanzpantomime Der Geburtstag der Infantin (1908) hervorgegangenen Gezeichneten, in denen Schreker der untergehenden k.u.k. Monarchie den Spiegel im Renaissance-Kostüm vorhielt. Beide festigten das Bild vom Erotomanen Schreker, in dessen Opern es von Sexualneurotikern nur so wimmele. Das „gesunde deutsche Volksempfinden“ empörte sich allerdings vornehmlich in den rechten Feuilletons: Schrekers 1920 ebenfalls in Frankfurt uraufgeführter, nicht weniger erotisch aufgeladener Schatzgräber brachte es allein in den fünf folgenden Spielzeiten auf 50 Inszenierungen – und gehört damit zu den erfolgreichsten Werken der deutschsprachigen Opernliteratur.

Schrekers Popularitätskurve knickte dann auch ohne Zutun der Presse ab 1924 ein. Er lag – nicht als einziger seiner Generation – in den antiromantischen „roaring twenties“ nicht mehr im Trend der Zeit. Im Zuge der um 1980 einsetzenden Schreker-Renaissance wurden bislang nur die drei Opern international gewürdigt, die schon zu Lebzeiten des Komponisten die größten Erfolge verbuchen konnten, sowie unter den Orchesterstücken die Kammersinfonie von 1917 und das Vorspiel zu einem Drama (den Gezeichneten), in dem Adorno die Quintessenz des Schrekerschen Schaffens zu finden glaubte. Bei den Opern Das Spielwerk, Irrelohe, Der Singende Teufel, Christophorus (das kongeniale Berliner Gegenstück zum Fernen Klang) und Der Schmied von Gent blieb es zumeist bei einmaligen Versuchen an eher kleinen Häusern, die kaum über die szenischen und musikalischen Mittel verfügten, um den komplexen Partituren Schrekers gerecht zu werden. Mit der posthumen Uraufführung der Jugendoper Flammen im Juni 2001 in Kiel – 100 Jahre nach ihrer Entstehung – konnte immerhin die wichtigste Lücke im Jugendwerk, auch diskographisch, geschlossen werden.

Geheimtips bleiben die herrlichen Orchesterlieder Vom Ewigen Leben nach Gedichten von Walt Whitman, denen ein Platz neben Mahlers Liederzyklen oder Strauss’ Vier letzte Lieder zustünde, das von Hans Rosbaud mit den RSO Baden-Baden posthum aus der Taufe gehobene monumentale, orientalisierende Vorspiel zur Fragment gebliebenen Oper Memnon, oder die Kleine Suite für Orchester, Schrekers „Musikalisches Opfer“, in der ihm die Synthese von kontrapunktischem Exerzitium, Expressivität und klanglicher Raffinesse mit für seine Verhältnisse kleinem Instrumentarium gelang.

Der 1878 in Monaco geborene Österreicher Schreker, der mit dem Wechsel nach Berlin 1920 die deutsche Staatsangehörigkeit annahm, starb 1934 in Berlin an den Folgen eines Schlaganfalls. Kurz zuvor hatten die Nazis ihn als „entartet“ gebrandmarkt und die materiellen wie ideellen Grundlagen seiner Existenz zerstört.

Auswahl-Diskographie Franz Schreker

Anspieltip: Vorspiel zu einem Drama

Der Ferne Klang. Oper in drei Aufzügen; Gabriele Schnaut, Thomas Moser, Siegmund Nimsgern, Roland Hermann u.a.; RIAS Kammerchor und Rundfunkchor Berlin, RSO Berlin, Gerd Albrecht.
Capriccio 60024-2

Die Gezeichneten. Oper in drei Akten; Elisabeth Connell, Heinz Kruse, Monte Pedersen, Alfred Muff, Laszlo Polgar u.a.; Rundfunkchor Berlin, DSO Berlin, Lothar Zagrosek.
Decca 444 442-2

Der Schatzgräber. Oper in einem Vorspiel, vier Akten und einem Nachspiel; Gabriele Schnaut, Josef Protschka, Harald Stamm, Peter Haage, Hans Helm, Heinz Kruse u.a., Chor der Hamburgischen Staatsoper, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Gerd Albrecht.
Capriccio 60010-2

Irrelohe. Oper in drei Aufzügen; Luana deVol, Eva Randová, Michael Pabst, Monte Pederson, Heinz Zednik u.a., Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, Wiener Symphoniker, Peter Gülke.
Sony S2K 66850

Flammen. Oper in einem Akt; Manuela Uhl, Heike Wittlieb, Robert Chafin, Jörg Sabrowski u.a., Chor und Philharmonisches Orchester der Landeshauptstadt Kiel, Ulrich Windfuhr.
cpo 999 824-2

Kammersinfonie, Vorspiel zu einem Drama, Nachtstück, Valse lente; RSO Berlin, Michael Gielen, Karl Anton Rickenbacher.
Koch-Schwann 31107 8

Nachtstück, Vorspiel zu einem Drama, Ekkehard, Phantastische Ouvertüre, Valse lente; BBC Philharmonic Orchestra, Vassily Sinaisky.
Chandos CHAN 9797

Vom Ewigen Leben, Vorspiel zu einer großen Oper, Vier kleine Stücke für großes Orchester, Irrelohe-Vorspiele; Claudia Barainsky, DSO Berlin, Peter Ruzicka.
Koch-Schwann 3 6454 2

Sinfonie a-Moll, Das Weib des Intaphernes (Melodram), Psalm 116; Gert Westphal, WDR Rundfunk Orchester, Peter Gülke.
Capriccio 10850

Der Geburtstag der Infantin (1908) (+Toch); Kammersymphonie Berlin, Jürgen Bruns.
EDA 013-2

Der Wind, Intermezzo, Scherzo (+Krása, Haas, Martinu); Westfälische Kammerphilharmonie, Frieder Obstfeld.
EDA 09-2

Lieder op. 2, op. 3, op. 4 + zahlreiche nachgelassene Lieder; Noëmi Nadelmann (Sopran), Andreas Schmidt (Baß), Adrian Baianu (Klavier).
Arte Nova 74321 72126 2

Frank Harders-Wuthenow [1.10.2001]

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