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Georg Friedrich Händel

* 23.02.1685 Halle
† 14.04.1759 London

Biographie Diskographie [148] Texte [5] Werke [590]

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Wenn die Welt auf dem Kopf steht

"Ariodante" als gelungener Beitrag der Oper Halle zu den Händelfestspielen

Für den Anspruch Sachsen-Anhalts, ein Land der Barockmusik zu sein, wird viel Lobenswertes, auch jenseits der beiden Giganten Händel und Bach, unternommen. Telemann (Magdeburg), Schütz (Weißenfels), Fasch (Zerbst) – alle haben mittlerweile ihr Festival. Selbst im Falle des natürlich vom sächsischen Leipzig vereinnahmten Bach, versucht man in Köthen mitzuspielen. Das geht natürlich nicht ohne Landesmittel. Und da die Eur-Summen, die in die Kultur wandern, von der Landes-Politik überall mehr als Kostenfaktor, denn als eine spezielle Investition gesehen werden, die – wenn auch nicht nur in die Kasse des Finanzministers – zurückfließt, so schrillen die Alarmglocken, wenn selbst in der unverbindlichen Eröffnungsrede des Landesvaters dezidiert vom Sparen die Rede ist. Dass die seit Beginn der deutschen Händel-Renaissance in den 20er Jahren in Händels Geburtsstadt Halle an der Saale erst sporadisch, nach dem Krieg dann jährlich und seit der Wende sogar auf zehn Tage ausgeweiteten Festspiele und alles was in deren Umfeld für die Händel-Pflege getan wird, tatsächlich weiter ihren knapp über einer halben Million liegenden Landeszuschuss zum 1,6 Millionen Budget bekommt, davon jedenfalls kann man in Halle wohl kaum noch ausgehen. Wenn ein SPD-Finanzminister und ein CDU-Regierungschef kürzen wollen, dann haben Festspiele, die vor allem auf solide Kontinuität setzen, keine allzu guten Karten gegenüber einer sonst mittlerweile gängigen Eventvermarktung. Und sie haben allen Anlass, offensiv über die Konzentration auf Qualität, die aufhorchen läßt, nachzudenken. Abgesehen davon, dass die Expansion in die Breite ohnehin nicht der glücklichste Einfall war, wird ein Festival mit internationalem Anspruch auf Dauer kaum ohne hochkarätige Sponsoren auskommen. Zudem ist es in Zeiten der Ökonomisierung ohnehin verwunderlich, dass nicht schon längst offensiv mit der Umwegrentabilität der eingesetzten Subventions-Euros argumentiert wird.

Künstlerisch war das heimische Opernhaus (mit seinen szenischen Ambitionen sonst eher zaghaft) diesmal mit „Ariodante“-Regisseur Stephen Lawless gut beraten. Obwohl die Zeiten lange vorbei sind, in denen ein Regisseur alle Mätzchen-Register zieht, um bei einer da capo Arie ja nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, dass ihm nichts einfällt, fängt Lawless gleichwohl so an. Weil es in Schottland spielt, wird ausgiebig von den Herren (und der den Titelhelden verkörpernden Dame) im karodick aufgetragenen Schottenoutfit gegolft. Oder man schießt nach imaginärem Gefieder auch schon mal Richtung Publikum. Bis ein paar Federn aus dem Schnürboden rieseln. So wie dieser erste, auf ein vorläufiges und höchst brüchiges Teil-Happyend zusteuernde Akt hier abläuft (Ariodante wird Königstochter nebst Thron ist in Aussicht gestellt) erinnert das an einen Abklatsch der hintersinnigen Ironie mit der Peter Konwitschny in den Achtzigern in Halle mit einer szenischen Händel-Renaissance seine Karriere startete. Doch dann kommt mit dem Bösen auch die Spannung in die Oper und mit der hinterhältigen Intrige des Herzogs von Albany Polinesso (diese Paraderolle für die Stars der Mezzo-Szene ist hier mit Altus Axel Köhler besetzt) wird der Kontrast zur very britischen Anfangsalberei als Fallhöhe zum Tragischen legitimiert. Fortan beherrschen optische Wucht und Konzentration auf die Achterbahn der Gefühle der Protagonisten die Szene. Es rumpelt zwar ganz schön hinter dem Zwischenvorhang, mit dem das Schlafkabinett des Intriganten vom stilisierten barocken Saal abgeteilt ist, aber für alle, die den Welt-auf-dem-Kopf – Effekt noch nicht in München bei David Alden schon einmal gesehen haben, ist es ein einleuchtendes Aha-Erlebnis wie sich hier der Saal und alle Werte auf den Kopf gestellt werden. Dem Jago gleichen Polinesso passt die Personalpolitik seines Königs nämlich überhaupt nicht. Und so gaukelt er dem erklärten Thronfolger ein Techtelmechtel seiner Braut mit ihm selbst vor. Eine ihrer Roben und die hoffnungslos in den machtbewussten Streber verknallte Freundin Dalinda (Agnete Munk Rasmussen) helfen dabei. Wie das in gut patriarchalischen Verhältnissen und Opern eben so ist, ist das weibliche Opfer die Täterin und wird von allen verlassen. Hier der Anlass für eine wirkungsvoll platzierte Albtraumeinlage des Balletts. Zwar bleibt Polinesso am Ende niedergestreckt auf dem Gottesgerichtskampfplatz zurück, doch es gehört zum Besten der Inszenierung, wie Lawless die tiefe Verletzungen zeigt, die bei der rehabilitierten Ginevra (Gilian Keith) zurück bleiben, auch wenn sie am Ende in den Armen von Ariodante Zuflucht sucht. Der hatte vorher, zu den über sechsminütigen Arienohrwurm „dopo notte“ wieder das Licht in die Dunkelheit dieser glücklich überstandenen Nacht gelassen. Caitlin Hulcup krönte damit gleichzeitg ihren exzellenten Ariodante. Überhaupt beeindruckte hier vor allem die Damenriege. Zudem hat das Händelfestspielorchester (ein Spezialensemble der in schweres Verkleinerungsfahrwasser geratenen Staatskapelle Halle) längst zu anderen Barockorchestern aufgeschlossen und war unter Federico Maria Sardellis Leitung in bester Form!

Festspielniveau bot auch eine konzertante Aufführung von Händels selten gespielter Oper „Riccardo I.“ mit Paul Godwin und dem Kammerorchester Basel. Auch hier Händelglück vom Feinsten: vor allem Altus Lawrence Zazzo als Riccardo (es geht um Richard Löwenherz) und Geraldine McGreevy demonstrierten beispielhaft wie Koloratursouveränität mit Gestaltungskraft einher gehen kann. Doch auch Altus Tim Maed und Sopranistin Nuria Rial lieferten Referenzqualität. Davon wird es, wie im letzten Jahr im Falle von „Lotario“, denn auch eine CD-Einspielung geben.

Wenn die bestimmenden Produktionen unter den über 50 Veranstaltungen (für die immerhin über 25 000 Karten zu verkaufen sind) auf diesem Niveau gelingen, wie in diesem Jahr, dann dürfte einem für dieses Festival nicht bange sein. Aber wo geht es schon noch nach solchen Kriterien.

Joachim Lange [13.6.2007]

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