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Paavo Järvi

estnischer Dirigent

* 30.12.1962 in Tallinn

Biographie Diskographie [9] Texte [1]

Text

Sensationelle Erfolge bei Beethoven-Tournee in Japan

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen und Paavo Järvi in Japan

Europäer empfinden die japanische Kultur als fremdartig – und umgekehrt. Andrerseits üben beide starke Anziehungskraft aufeinander aus. Die Unterschiede beschränken sich freilich nicht auf die Größe, wie Kurt Tucholsky ironisch meinte („In Europa ist alles so groß, und in Japan ist alles so klein“). Im Gegenteil: Als ich nach 24 Stunden Reise in Yokohama aus dem Taxi kletterte, erblickte ich vor mir den Landmark Tower, größter Wolkenkratzer Japans und Zentrum eines der bedeutendsten Städtebauprojekte der Welt – Minato Mirai 21. Dieses überdimensionale Äquivalent zu Bremens Überseestadt umfaßt Hotels, Shoppingmeilen, Bürogebäude, einen Vergnügungspark – und einen vorzüglichen Konzertsaal. Dort fand ein für japanische Verhältnisse einmaliges Großereignis statt: die Gesamtaufführung aller Sinfonien Beethovens mitsamt dem Violinkonzert durch Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen (DDKB) unter Paavo Järvi. 410 Minuten Musik in 48 Stunden – schon die sportliche Leistung verdient Respekt. Einen Monat lang widmete sich das Orchester dem Projekt. Nach unzähligen Proben gab es fünf verschiedene Programme in Stuttgart, Bremen, Frankfurt, Mibu, Nagoya, Nishinomiya und Hakodate, bevor nach der Pflicht die Kür in Yokohama folgte. Masahiro Tsutsumi, Manager der Japan Arts Corporation, ist für den Mut zu danken, dieses Event zu präsentieren – passend zum Wunsch der Stadt Yokohama, das innovative Areal MM21 mit entsprechenden Kulturprojekten zu beleben.

Die Logistik stellte das Team von Managing Director Albert Schmitt vor einige Herausforderungen. Vor Ort hatten Katharina von Hodenberg (Tournee-Betreuung), Jean-Claude Leclére (Marketing), Sonja Epping (Artistic-Managerin) und Daniel Buss (Bühnenmanager) alle Hände voll zu tun, um den Ablauf zu gewährleisten und Probleme zu meistern – beispielsweise die Stühle, die in Japan wirklich kleiner sind, nämlich um gut fünf Zentimeter. Man mußte zwei bis drei Stühle aufeinander stapeln, damit die Musiker gut sitzen konnten. Ohne Sponsoren hüben wie drüben wäre das Projekt nicht möglich gewesen. Leclére freute sich überdies, „daß viele Gäste zu den Konzerten kamen, die Mitarbeiter von japanischen Geschäftskunden Bremer Förderer sind.“ Auch die Bremer Tourismus Zentrale war maßgeblich beteiligt. RCA/BMG Japan trieb indessen die erste Folge aller Beethoven-Sinfonien unter Järvi so voran, dass sie im Rahmen der Tournee vorgestellt werden konnte. Die Produktion mit der Dritten und Achten erhielt in Japan bereits sensationelle Kritiken und soll in Deutschland im Herbst erscheinen; danach folgt bis 2009 jährlich eine weitere CD. Wenn die dann weltweit vermarktete Gesamteinspielung auch nur annähernd so ausfällt wie die Konzerte in Yokohama, dürfte sie für die Kammerphilharmonie einen weiteren, wohlverdienten Bekanntheitsschub auslösen. Der Applaus nach den Konzerten war stets überwältigend – unmöglich, herauszuhören, ob „bravo“, „Paavo“ oder beides gerufen wurde. Im Gespräch zeigten sich Besucher fassungslos darüber, dass eine solch ansteckende Art des Musizierens überhaupt möglich sei. In den Kritiken überschlugen sich die Superlative. Dieser Zyklus brachte einen rundum erneuerten Beethoven, musiziert als lebendige Avantgarde. Auch Järvi war hingerissen: „Es ist fantastisch, wie die Musikerinnen und Musiker ihre Kräfte mobilisieren und sich konzentrieren. So viele Nuancen und Überraschungen, und die Bereitschaft, der Intuition zu folgen – das macht ein Konzert aus, und das macht für mich die Freude an der Musik aus“, meinte er im Gespräch mit Friederike Westerhaus, die mit Matthias Siebert für Radio Bremen diese Tournee begleitete.

Albert Schmitt ist zu Recht stolz: „Am meisten beeindruckt hat mich die physische und mentale Belastbarkeit. Ich war fassungslos, mit welcher Einsatzbereitschaft und Leidensfähigkeit die sich da eine Sinfonie nach der anderen geben, und zwar mit vollster Intensität, ohne Rücksicht auf Verluste und persönliche Schmerzgrenzen.“ Begeistert äußerte sich auch die amerikanische Geigenvirtuosin Hilary Hahn, die für die erkrankte Akiko Suwanai in Beethovens Violinkonzert kurzfristig eingesprungen war: „Es war wundervoll, mit diesem Orchester zusammenzuarbeiten. Sie haben unglaublich viel Energie und Vitalität, kümmern sich aufmerksam um jede einzelne Note. Das ist ansteckend und macht mich frei darin, alles zu tun, was ich möchte, wenngleich auf einer kammermusikalischen Ebene. Vor allem sind es wahnsinnig nette Leute; das macht diese Erfahrung noch wertvoller.“ Erfolgsgeheimnis ist letztlich die Hingabe an die Musik und Freude am gemeinsamen Erleben – eine Art der Eigen-Wahrnehmung, die DDKB von jedem anderen Orchester unterscheidet. „Es gab ein unglaubliches Zusammenwachsen auf dieser Tour – nicht nur im Orchester, auch mit Paavo und im Konzertsaal mit dem japanischen Publikum. Ein Wunder, wo das herkommt“, fragte sich Bratscherin und Mitgründerin Friederike Latzko. „Wir haben eine noch gemeinsamere Sprache gefunden als bisher. Wir hatten uns ja schon ursprünglich mit Paavo zusammengetan, weil wir gemeinsam so empfinden. Ich bin total überrascht, dass sich das noch zu einer solchen Dimension entwickelt. Für mich ist das ein ganz außergewöhnlicher Zustand – eine transpersonale, kollektiv-musikalische Erfahrung.“

Benjamin G. Cohrs [5.7.2006]

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