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Ben Heppner

Tenor

* 14.01.1956 in Murrayville

Der kanadische Tenor Ben Heppner galt jahrzehnte lang als führender Lohnengrin und Tristan, Partien, die er auf allen großen Bühnen interpretiert hat. Aber auch in Brittens Peter Grimes oder als Hermann in Tschaikowskys Pique Dame sowie in Liederabenden hat er das Publikum in Europa und den USA begeistert. 2011 sagte er seine Mitwirkung als Siegfried am neuen Ring an der New Yorker Metropolitan Opera mit der Begründung ab, diese Partie in Zukunft nicht mehr singen zu wollen. Sein künstlerisches Vermächtnis ist auf zahlreichen Tonträgern dokumentiert.

Biographie Diskographie [7] Texte [1]

Text

Stolzer Tristan

Der kanadische Tenor Ben Heppner

Die Repertoireliste des kanadischen Tenors Ben Heppner ist von einer stilistischen Vielfältigkeit, daß man sich an Sänger vergangener Tage erinnert fühlt. Ob Titus, Stolzing, Prinz in Rusalka, Kalaf, Lohengrin oder Tristan, der sympathische Sänger erreicht immer ein Höchstmaß an vokaler Intensität. In einem Gespräch erzählt er über seine Erfahrungen als Tristan und diverse Aspekte seiner Laufbahn

Klassik heute: Herr Heppner, während der letzten beiden Jahre haben Sie sich zu einem der weltweit gefragtesten Tristan-Interpreten entwickelt. Wie sind Ihre Erfahrungen mit dieser Rolle? Ist das Anforderungsprofil so ,grausam‘ wie man annehmen könnte?

Ben Heppner: Tristan ist schon eine ungeheure Herausforderung, als ,grausam‘ empfinde ich die Partie jedoch nicht. Der für mich schwierigste Abschnitt ist der zweite Akt, denn hier muß man in hoher Lage, konzentriert auf Linie, gegen das riesige Orchester ansingen. Der dritte Akt mag auf den Zuhörer wegen seiner Länge unmenschlich wirken, er ist aber um einiges angenehmer geschrieben, da man hier beginnen kann, dramatisch zu gestalten. Das bietet etwas mehr Raum zum Atmen.

Der zweite Akt wird ja, wie zum Beispiel in Wien, häufig mit Strichen gespielt.

Ich habe Tristan bis jetzt 27 Mal verteilt über Seattle, Chicago, New York, Salzburg und Florenz auf der Bühne gesungen, das ,Tag-Nacht-Gespräch‘ war allerdings nur zehn Mal gekürzt. Dabei wartet das Publikum doch vor allem auf diese berühmte Phrase ,So stürben wir, um ungetrennt...‘!

Haben Sie sich während des Studiums an der Rolle Aufnahmen angehört?

Nicht die komplette Diskographie, aber während meiner achtzehnmonatigen Vorbereitungszeit waren es schon einige. Max Lorenz ist selbstverständlich sehr interessant, Jon Vickers ebenso. Wolfgang Windgassens lyrische Annäherung an die Partie war für mich sehr hilfreich, da ich in mir keinen typischen deutschen Heldentenor sehe.

Hat sich Ihre Stimme durch diese Rolle verändert?

Ich habe an meiner Technik gearbeitet, denn wenn man damit auch nur kleine Probleme hat, stellt diese Rolle ein unlösbares Problem dar.

Wie sehen Sie ,Tristan‘ als Charakter?

Zuerst einmal ist ein Punkt wesentlich: Die Oper beginnt mitten in der Handlung. Sie müssen die Geschichte, die vor dem ersten Akt geschehen ist, kennen, um die Personen zu begreifen. Tristan erscheint im ersten Akt als der Held schlechthin, doch später wird er zum liebenden Mann, den die Realität einholt. Eine komplexe Figur, mit zahlreichen Schattenseiten.

Gingen Sie bereits mit fixen Vorstellungen in Ihre erste ,Tristan‘-Produktion?

Nein, das entwickelte sich während der Proben. Als wir in Seattle den dritten Akt erarbeiteten, war dies für mich ein unglaublich berührendes Erlebnis. Wie Tristan in diesem Delirium von Emotionen überwältigt wird, sein Leben reflektiert, auch seine Beziehung zu Kurwenal, empfand ich beinahe wie eine Freudsche Analyse.

Tristan wird wohl für jeden Sänger eine Art ,Work in progress‘ bleiben.

Selbstverständlich! Ich bin sicher, nach zehn weiteren Vorstellungen wieder neue ,Nischen‘ dieses Charakters gefunden zu haben.

Viele Opernbesucher fragen sich, ob Sie eines Tages auch Siegfried singen werden.

In München habe ich im Juli den dritten Akt konzertant gesungen, dabei bleibt es aber für die nächsten Jahre. Ich habe schon einmal erwogen, die Partie in den USA zu singen, letztendlich habe ich mich doch dagegen entschieden. Wenn wir schon beim Thema Repertoire-Erweiterung sind, 2001 wird man mich vorerst konzertant als Otello kennenlernen.

Was hält Sie konkret davon ab, Siegfried komplett auszuprobieren?

Die im Vergleich zum Tristan höhere Tessitura macht die Rolle etwas schwieriger. Von der emotionalen Seite gesehen, wäre der junge Siegfried wegen seiner Jugend und Unerfahrenheit weniger komplex und somit einfacher als Tristan.

Nach längerer Zeit haben Sie an der Wiener Staatsoper wieder den Kaiser in der ,Frau ohne Schatten‘ gesungen.

Das war überhaupt mein Rollendebüt, die Premierenserie in Dresden mußte ich ja krankheitsbedingt absagen. Diese Partie nur mit wenigen Proben in einer Repertoirevorstellung zu singen, war ein äußerst aufregendes Unternehmen! Während meines ersten Auftritts dachte ich mir wirklich: ,Warum tue ich mir das an ?!?‘ Im zweiten Akt war die Nervosität verflogen und der Rest der Aufführung verlief ohne weiteren Probleme.

Herr Carsen hat die Staatsoper mit dieser Produktion um eine Inszenierung ,bereichert‘, die von Publikum und Wiener Presse unisono abgelehnt wurde...

Ich habe das Werk noch nie auf der Bühne gesehen, so daß ich dazu nicht viel sagen kann. Mir hätte wahrscheinlich eine märchenhaftere Atmosphäre besser gefallen. Generell bin ich der Meinung, daß ein Regisseur eine bestimmte Interpretation dem Publikum nicht wie auf einem Silbertablett auftischen soll. Kurz nach dem Golfkrieg habe ich ,Idomeneo‘ gesungen und war darin eine Art Saddam Hussein, das muß doch nicht sein. Wenn das Libretto klug, auch mit neuen Aspekten, nacherzählt wird, kann das Publikum die Bezüge doch selbst herstellen.

In Amerika tendieren Produktionen zum Traditionellen. Sehen Sie gravierende Unterschiede zwischen dem Opernbetrieb in Ihrer Heimat und Europa?

Hier in Europa ist die Oper ein fix in der Gesellschaft verankerter Teil des alltäglichen Lebens. Mir ist es einmal passiert, daß mich in München ein Taxifahrer erkannt hat. Dabei gehöre ich doch nicht einmal zu den ganz großen Stars, die jeder vom Fernsehen kennt! Solche kleinen Erlebnisse sind wirklich nur hier möglich. Bei mir zu Hause in Kanada oder in den USA ist Oper etwas Elitäres für die reiche Gesellschaftsschicht. Leider!

Sie zählen zu den auf Tonträger am besten dokumentierten Sänger der 90er Jahre. Eine ,Tristan‘-Aufnahme ist meines Wissens nicht geplant.

Nein, es gab den Plan ,Tristan‘ unter Solti und mit Deborah Voigt als Isolde aufzunehmen. Durch die viel diskutierte Krise der CD-Industrie wird es wohl auch kaum mehr zu einer Aufnahme dieser Oper kommen. So ein Projekt würde ja Unsummen verschlingen.

Sie hatten das Glück, ,Die Meistersinger’ mit Sawallisch und Solti aufzunehmen. Wie empfanden Sie die Arbeit mit diesen beiden Dirigenten?

Sawallisch ließ den Details Freiräume, um sich zu entwickeln. Solti legte sein Augenmerk vor allem auf rhythmischen Drive und eine vorwärtsdrängende Energie. Ich möchte keinesfalls eine Wertung zwischen den beiden Interpretationen vornehmen, es sind zwei völlig gegensätzliche Annäherungen an die Musik.

Für die nächste Saison haben Sie eine Recital-Tournee auch in Deutschland geplant. Neben Ihren Opernverpflichtungen scheinen Lieder eine wichtige Rolle für Sie zu spielen.

Manche Kollegen singen Mozart, ich widme mich Liedern, um die vokale Elastizität zu bewahren. Bei der Auswahl der Werke habe ich natürlich darauf geachtet, Passendes für meine stimmlichen Neigungen zu finden. Gabriel Fauré etwa hätte mich gereizt, man würde jedoch die Leichtigkeit vermissen, weshalb ich von diesem Komponisten wieder abgekommen bin. Letztendlich haben die Liederabende für mich auch einen praktischen Vorteil: Mir ist sehr wichtig, nicht zu lange von meiner Familie getrennt zu sein. Wenn ich nun wie hier in Wien drei Mal den Kaiser singe, muß ich dennoch beinahe zwei Wochen von Kanada wegbleiben. Recitals kann ich drei Mal pro Woche geben.

Vermeiden Sie bei Liedinterpretationen bewußt ,opernhafte’ Elemente?

Das ist wie auch im Opernrepertoire von dem jeweiligen Stück abhängig. Vergleichen sie die ,Gralserzählung‘ mit dem dritten Akt Tristan. Im Fall des ,Lohengrin‘ muß man die gesangliche Linie konzentriert einhalten und sehr subtil phrasieren, während bei Tristans Ausbrüchen eine dramatische Gestaltung wesentlich ist. Für meine Recitals habe ich natürlich ein Repertoire, etwa Liszt und Rachmaninoff, ausgesucht, das meinem stimmlichen Potential entgegenkommt.

In der ,Frau ohne Schatten‘ fand ich es besonders beeindruckend, wie Sie eine geradezu liedhafte Wort-Ton-Gestaltung erreichen. Sie singen nicht nur deutsche, italienische, französische sondern auch tschechische und russische Partien. Zwischen den einzelnen Sprachen zu wechseln, stelle ich mir nicht gerade leicht vor.

Es freut mich, wenn Sie meine Interpretation des Kaisers so empfunden haben, die sprachliche Komponente ist mir nämlich sehr wichtig. Deutsch spreche ich ein wenig, für das Interview würde es nicht reichen. Meine Eltern haben die Sprache beherrscht, vor uns Kindern haben Sie das aber geheim gehalten. Heute ist meine Mutter eine hochbetagte Frau und beginnt nun immer wieder Deutsch zu sprechen! Gerade bei der textlichen Gestaltung sind es oftmals die kleinen aber entscheidenden Details. Ich gebe Ihnen folgendes Beispiel: Amerikanische und italienische Sänger/innen behandeln oftmals die Endkonsonanten nicht korrekt. Denken sie zum Beispiel an das Wort ,dahin‘, die Betonung des letzten ,n‘ ist nicht unerheblich. Es sind eben solche Kleinigkeiten, bei denen das Publikum die Ohren spitzt und dann merkt, wie gut man eine Sprache beherrscht. Sawallisch hat in diesem Zusammenhang mit uns sehr viel gearbeitet. An der Met habe ich auch ,Pique Dame‘ gesungen, dabei war ich leider gezwungen, den Hermann phonetisch zu lernen. Das macht das Erarbeiten des Textes nicht gerade leichter.

Sie haben 1992 in der Uraufführung von William Bolcoms ,McTeague‘ mitgewirkt. Wie auch beim kürzlich uraufgeführten ,The Great Gatsby‘ handelt es sich – soweit ich informiert bin – um eine eher konservative Musik.

Wie Sie vielleicht wissen, basiert das Werk auf dem gleichnamigen Roman von Frank Norris, der auch schon während der Stummfilmzeit zu einen zehnstündigen(!) Streifen ,verarbeitet‘ wurde. Bolcolm ist ein Eklektiker und ein Melodiker im positiven Sinne, er kann wirklich mit einer unglaublichen Gewandtheit zwischen den einzelnen Stilen wechseln. Der Grundcharakter der Musik ist sehr exzessiv, wodurch ich mich von ihr sehr angesprochen fühlte. Es gibt übrigens auch eine Fernsehdokumentation über dieses Projekt mit dem Titel ,The Real McTeague‘. Leider wurde Bolcoms Oper nie wieder auf der Bühne gezeigt! Sie haben ,The Great Gatsby‘ erwähnt, ich habe die Novität an der Met gesehen, das ist aber wirklich kein konservativer Stil. Das Problem bei diesem Werk ist die schwache Handlung, sie ist einfach ungeeignet, eine Oper zu tragen. Denken Sie an ,Fidelio‘, Sonnleithners Libretto ist auch nicht ideal, aber in diesem Werk finden sich allgemeingültige Aspekte wie ,Freiheit‘ und ,Treue‘. Im Falle von ,McTeague‘ gibt es das immer aktuelle Thema der verhängnisvollen materiellen Gier. Die Handlung des ,Great Gatsby‘ ist dagegen hohl, ich fühlte mich durch nichts berührt.

Wenn Sie zurückblicken, was sehen Sie heute als die wesentlichen Zäsuren Ihrer bisherigen Laufbahn?

Zum Beispiel meine Rollendebüts als Stolzing, Peter Grimes, Lohengrin und Tristan. In jungen Jahren sang ich natürlich auch die komödiantischen Comprimarii-Rollen, was ja ganz lustig gewesen ist, aber für mich nicht befriedigend. Ich stellte mir oft folgende Frage: Sollte ich eines Tages die großen dramatischen Partien interpretieren können, würde ich dann meine erfüllende ,künstlerische Heimat‘ gefunden haben? Als dann dieses Repertoire auf mich zukam, wußte ich, jetzt habe ich sie gefunden. Wenn ich heute nach einer gewissen Zeit wieder diese Rollen darstelle, habe ich immer das Gefühl, daß sie für mich zu einer Art Freunde geworden sind, an denen ich immer wieder Neues entdecken kann.

Vorhin haben Sie das Problem des beruflich bedingten Reisens erwähnt. Haben Sie sich am Beginn Ihrer Karriere das Leben als Opernsänger so vorgestellt, wie es tatsächlich ist?

Ist es so, wie ich es mir vorstellte? Ich weiß es eigentlich nicht. Von Anfang an ließ ich Dinge ohne bestimmte Vorstellungen an mich herankommen. Als ich 1979 den Wettbewerb in Kanada gewonnen habe, war das für mich insofern bedeutend, da ich nun wußte, daß ich vielleicht vom Sängerberuf leben kann. Zwei Jahre später wurde mir dann allmählich klar, daß das doch nicht ganz so leicht sein wird. So habe ich überlegt, mich auf Oper zu spezialisieren, um über die Perspektiven eines professionellen Chorsängers oder Konzertsängers hinauszukommen. 1981 wurde meine Tochter geboren, da übernimmt man natürlich eine unglaubliche Verantwortung! 1982 bis 1984 war ich Mitglied der Studienbühne in Toronto. Ab 1984 folgten drei Jahre mit wenig Arbeit. 1988 gewann ich den Metropolitan Opera Contest, im Anschluß daran kam meine Karriere ins Rollen. Meine berufliche Entscheidung war also vor allem eine pragmatische. Ich könnte das ganze für Sie nun romantisch ausschmücken, aber es wäre schlicht gelogen! Um nochmals auf ihre eigentliche Frage zurückzukommen, natürlich hatte ich als junger Mann Träume, ich genieße heute auch das Reisen, das Kennenlernen neuer Leute. Im Kreise meiner Familie erfahre ich aber den wirklich erfüllenden Teil meines Lebens, worin ich auch die Energie für die Auftritte auftanke. Von einer Vorstellung zur nächsten zu jetten, wäre wirklich nichts für mich.

Fühlen Sie sich eigentlich vorrangig als Vater oder Opernsänger?

Als Ehemann und Vater, keine Frage! Ich habe ja meine Familie vor meinem eigentlichen Karrierestart gegründet.

In einem Interview habe ich gelesen, Sie hätten sogar ein Angebot, in Bayreuth Lohengrin zu singen, wegen der langen Probenzeit ausgeschlagen.

Völlig richtig, man hätte von mir verlangt, vier oder fünf Sommer lang wiederzukommen und alljährlich eine erheblich lange Probenperiode zu absolvieren. Das kann ich meiner Frau und meinen drei Kindern nicht zumuten.

Erlauben Sie mir am Ende eine ganz persönliche Frage. Auf Ihrer Internet-Homepage finden sich Links zu religiösen Organisationen. Ist Religion für Sie wichtig?

Es ist wichtig, für sich selbst zu definieren, was es bedeutet, ein Christ zu sein. Sonntags als erwartete Pflichtübung in die Kirche zu gehen, empfinde ich als eine äußerliche Religionsausübung, ohne wirklichen Sinn. Ich versuche das Christsein im Alltag, wie etwa im Umgang mit meinen Mitmenschen, einzubringen.

Rainhard Wiesinger [1.8.2000]

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