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Jonathan Plowright


Diskographie [7] Texte [1]

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Der Pianist Jonathan Plowright

Leidenschaftlicher Anwalt romantischer Musik

Der Pianist Jonathan Plowright gehört bislang zu den Insider-Tipps in Deutschland. Dort, wo er auftritt, wird er jedoch stets als herausragend wahrgenommen. Von der Kritik hoch gelobt als „klanglich exquisit“, „ohne jedes Showgehabe“, als Interpret, bei dem „der Flügel aus einem substanzvollen, beherrschten Grundton heraus stählern zu schwingen, aber auch betörend sanft zu leuchten“ vermag, gilt er in Großßbritannien als Spitzenpianist. Das britische Musikmagazin Gramophone bezeichnete ihn als einen der besten lebenden Pianisten. Spätestens beim Anhören seiner CD-Einspielungen gewinnt man dann den Eindruck, doch etwas Wesentliches in diesem Segment verpasst zu haben, wenn man ihn noch nicht live erlebt hat.

Hierzulande wurde Jonathan Plowright
Jonathan Plowright
Foto: Diana Shaw
Jonathan Plowright erstmals während des Festivals „Raritäten der Klaviermusik“ im Schloss vor Husum 2003 mit Werken von Grieg, Stojowski, Poulenc und Paderewski wahrgenommen. Im darauf folgenden Jahr erneut eingeladen, präsentierte er Stojowski, Berkely, Szymanowski, Bach-Transkriptionen von Walter Rummel sowie die Sammlung Hommage à Paderewski. Zum 20jährigen Bestehen des Festivals trat er mit Stücken von Dohnanyi, Bach-Rummel, Suk und Paderewski auf.

Es folgte der Auftritt im Sendesaal von Radio Bremen im vergangenen November für die Reihe Auf schwarzen und weißen Tasten mit Werken von Beethoven, Chopin, Bach und Mussorgsky. Am 11. April 2008 wird er nun die vom SWR2 veranstaltete Reihe Internationale Pianisten in Mainz ergänzen (Bach, Beethoven, Paderewski).

Raritäten sind Plowrights Spezialität. Vor allem kristallisierte er sich zum Experten für polnische romantische Komponisten heraus, die heute kaum noch bekannt sind. Seine CD-Einspielungen vertreten u.a. Zygmunt Stojowski (1870-1946), Ignaz Paderewski (1860-1941) und Henryk Melcer (1869-1928). Dabei wurde ihm erst im Nachhinein bewusst, dass er damit eine Lücke im Repertoire der Klaviermusik ausfüllen würde.

„Ich kannte diese Komponisten auch nicht. Es begann damit, dass ich bei Hyperion eine Aufnahme für die Reihe The Romantic Piano Concerto machen sollte. Sie schlugen das Klavierkonzert von Christian Sinding vor, ein norwegischer Komponist. Er hatte ein in seiner Zeit sehr bekanntes Stück geschrieben, Frühlingsrauschen, sehr romantisch. Ich habe mir das Klavierkonzert angesehen, und ich mochte es nicht. Es hatte alles von einem Klavierkonzert, was ich nicht mag: Eine große Melodie und jedes Mal, wenn das Klavier einsetzen sollte, kam ein Fortissimo. Jedes Mal Fortissimo. Ich hätte nicht zeigen können, was ich spielen kann, und ich fand auch nicht, dass es ein so großartiges Werk ist. Ich habe mich dann dagegen entschieden. Daraufhin musste ich versuchen, etwas zu finden, was ich gerne spiele. Ich ging in die Musikbibliothek der Royal Academy of Music in London, durchforstete die Regale und fand das erste Klavierkonzert von Zygmunt Stojowski. Es hatte eine lange und interessante Eröffnungsmelodie, die sehr gut klang. Dann habe ich ein zweites Konzert entdeckt und dann war klar, dass ich das machen wollte. Kurz darauf nahm ein amerikanischer Musikwissenschaftler, der in Warschau lebt, Joseph A. Herter, Kontakt zu mir auf und fragte, ob ich einige Solo-Stücke von Stojowski haben möchte. So kam ich zu der Einspielung der Solo-Werke. Ich mag die Stücke, sie sind sehr romantisch.“

Sich auf polnische romantische Komponisten zu konzentrieren war mithin keine bewusste Entscheidung. „Ich spielte einfach eine Menge polnische Musik. Darüber habe ich nicht nachgedacht. Ich spiele aber überhaupt alle Art von Musik. Ich bin nicht auf polnische Musik festgelegt.“

Erstaunlich war dann, dass Plowrights Aufnahmen das Bewusstsein für diese Komponisten selbst in Polen überhaupt erst initiiert hat.

„Am Anfang wurde ich als eine Art Retter der polnischen Musik angesehen, weil ich zeigen konnte, was für eine wunderbare Musik das ist. Dann schien es, als ob manche sogar darüber etwas irritiert waren, dass ein Brite diese Musik wieder lebendig macht. Es tauchte oft die Frage auf, warum nicht polnische Musiker sie spielen? Ja, inzwischen sollten polnische Musiker kommen, die polnische Komponisten spielen.“

Bei genauerem Hinsehen stellt man schnell fest, dass diese vergessenen Komponisten in ihrer Zeit wichtige Positionen, teilweise sogar Schlüsselpositionen für heute bekannte Komponisten einnahmen.

„Manche Komponisten sind sehr bedeutend in ihrer Zeit und dann werden sie vergessen. Die Zeit ändert sich, die Erwartungen an Musik ändern sich. Der Stil dieser polnischen Komponisten war romantisch, rückwärtsgewandt. Stojowski mochte die zeitgemäße Entwicklung der Zwölftonmusik nicht. So wurde er vergessen. Sogar eben in Polen. Man versucht dann immer, die unbekannten Komponisten mit den Großen zu vergleichen und sieht nicht ihre Eigenart. Jonathan Plowright
Jonathan Plowright
Foto: Diana Shaw
Es ist sogar so, dass mir jemand sagte, an der und der Stelle klingt Stojowskis Konzert wie dies oder jenes von Rachmaninow, und vermutete, dass Stojowski von ihm abgeschrieben hat oder ihn sich zumindest zum Vorbild genommen hat. Dabei wird übersehen, dass genau diese Musik Rachmaninows erst später komponiert wurde.“

Viele der von Plowright vorgestellten Werke entstanden in der Zeit um die Jahrhundertwende bis in die 30er Jahre, eine musikgeschichtliche Periode, die als Umbruch hin zur Entwicklung der Neuen Musik verstanden wird. Dass diese Zeit aber eine immense Vielfalt von unterschiedlichsten Stilen hervorgebracht hat, gelangt nur zögernd ins Bewusstsein. Insofern trägt Plowright wie nebenbei zu einer Korrektur der Musikgeschichtsschreibung bei. Und ebenso en passant legt er damit deutsch-polnisch-französische Beziehungen auf musikalischer Ebene offen, die einmal selbstverständlich waren und die heute mühsam aufgebaut werden müssen.

Auch wenn Plowright durch Zufall an diese Musik geriet, liegt es doch auch in seiner persönlichen Affinität begründet, dass er inzwischen als der leidenschaftliche Anwalt der polnischen Musik verstanden wird: „Es ist das Polnische an der Musik, was ich mag, dieser sehr eigene Stil. Ich mag das Tänzerische daran, wie die Mazurka, den Krakowiak. Einen national individuellen Stil gibt es überall. So wie man deutsche und englische Orchester voneinander unterscheiden kann oder deutsche und englische Kompositionen. Man sollte nicht über solch nationale Eigenheiten hinwegsehen.“

Neben dem Tänzerischen ist es der melodische Duktus, der Plowright liegt, besonders bei Stojowski.

„Ich liebe seine Melodien. Das ist das an seinen Kompositionen, was er am besten gemacht hat. Er war ein Melodienschmied. Er schrieb sehr lange Melodien, die fortlaufen und fortlaufen. Ich denke, er war am besten, wenn er versuchte, sie einfach zu halten. Es gibt ein Stück, das er komponiert hat, das auf einer peruanischen Volksmelodie basiert. Seine Frau war Peruanerin. Sie sang ihren Kindern peruanische Wiegenlieder vor. Eines davon verwendete Stojowski für ein Klaviersolo. Es ist ursprünglich sehr schön und sehr einfach gehalten. Das Werk wurde Teil einer Sammlung von Klavierstücken Hommage à Paderewski, die Paderewski gewidmet wurden, nachdem er gestorben war. Es gab die große Zahl von 16 Komponisten, die ein Stück dazu beigetragen haben. Darunter waren Dariusz Milhaud, Béla Bartók, Bohuslav Martinu, Mario Castelnuovo-Tedesco und andere Komponisten, die damals bekannt waren. Stojowski verehrte Paderewski, seinen Lehrer und Mentor, sehr. Dieses peruanische Wiegenlied nun hat Stojowski zu der Sammlung beigetragen. Aber er veränderte es, machte es komplizierter, er wollte ein großartigeres Stück daraus machen. Das war der falsche Weg. Manches Mal wird Stojowski zu kompliziert, aber seine Musik ist besser, wenn sie einfach bleibt. Seine Melodien sind fantastisch.“

In naher Zukunft wird Plowright den Schwerpunkt der polnischen Musik beibehalten. Geplant ist ein Konzert mit dem Szymanowski Quartett in Krakau mit zwei Klavierquintetten, eines von Julius Zarebski (1854-1885) und ein moderneres Werk von Grazyna Bacewicz (1909-1969), die zu Beginn der 30er Jahre bei Nadja Boulanger studiert hatte. Demnächst wird er außerdem weitere Aufnahmen mit Musik von Paderewski produzieren. Es wird aber nicht nur polnische Musik geben. Eine Einspielung mit Bach-Transkriptionen von Walter Rummel liegt bei Hyperion bereits vor.

„Etwas Besonderes werden auch weitere Einspielungen von Bach-Transkriptionen sein, nun aber von britischen Komponisten. Manche von ihnen waren keine Pianisten, ihre Transkriptionen sind sehr schön, aber sie sind sehr schwierig für das Klavier. Die Hauptsache wird eine Sammlung sein, die 1932 der sehr bekannten britischen Pianistin Harriet Cohen von 12 Komponisten gewidmet wurden. Sie spielte in den 20er und 30er Jahren alle bekannten zeitgenössischen britischen Komponisten. Die Sammlung heißt A Bach Book for Harriet Cohen. Es ist eine bekannte Sache für diejenigen, die an Bach-Transkriptionen interessiert sind. Sie schrieb selbst auch Transkriptionen. Das wird den größten Teil der Aufnahmen ausmachen. Die meisten werden Werke für Tasteninstrumente sein. Einige von ihnen habe ich noch nicht gesehen. Wir sind noch dabei zu entscheiden, welche wir aufnehmen.

Jedenfalls sind die neuen Transkriptionen sehr verschieden von den Bach-Rummel-Aufnahmen. Das Meiste von ihm waren ja Vokalwerke, was ich mochte. Üblicherweise werden Transkriptionen von Werken für Tasteninstrumente gemacht, von Prääludien usw. Aber es macht Spaß, die Vokalwerke zu spielen. Als Jugendlicher habe ich in einem Chor die Matthäus-Passion und Kantaten usw. gesungen. Ich habe das immer sehr genossen. Wenn man die vielen verschiedenen Stimmen auf einem Instrument spielen will, ergeben sich aber große Probleme. Rummel hat das sehr klug umgesetzt. Es ist faszinierend, wenn man die Musik genauer anschaut, wie er all die verschiedenen Linien gesetzt hat. Es macht Spaß, das zu spielen. Oft ist es so, dass Stücke durch die Transkriptionen für das Klavier durch Oktavierungen einfach nur größer gemacht werden. Das sind dann Vorführstücke. Bei Rummel sind aber einige Stücke sogar sehr zurückhaltend. Zum Beispiel eines mit einer sehr schönen Cello-Linie, der Basslinie. Es klingt wie eine zweistimmige Invention, sehr einfach. Beim Zuhören würde man zunächst nicht denken, dass es sich um eine Transkription handelt. Man würde es für etwas wie eine zweistimmige Invention von Bach halten.“

Die Transkriptionen von Rummel klingen trotzdem „romantisch“. „Ja, Bach war ein romantischer Komponist. Auch wenn er im 18. Jahrhundert lebte, also in die Barockzeit gehört, kann er trotzdem romantisch sein. Seine Musik eignet sich für den romantischen Klang. Sie ist sehr anpassungsfähig. Manche machen Jazz daraus wie Jacques Loussier. Man kann die Musik mit den unterschiedlichsten Instrumentenkombinationen besetzen. Ich denke nicht, dass man so puristisch sein sollte. Wenn Stücke für Orgel oder Cembalo geschrieben wurden, warum sollte man dann nicht eine Transkription für Klavier hinzufügen? Allerdings spielen manche Bach auf dem Klavier und versuchen, es wie ein Stück für Cembalo klingen zu lassen. Sie verwenden zum Beispiel die Pedale nicht. Aber ich finde, man sollte das aus einem Instrument herausholen, was es bieten kann. Das zeigt dann doch viel mehr von Bach. Ansonsten ist es, als ob man ein schnelles Auto fäährt, aber im ersten Gang bleibt.

Rummel denkt diese Transkriptionen immer als orchestrale und vokale Stücke, er fügt zusätzliche Noten hinzu, damit es orchestraler klingt, so dass das Klavier beinahe in ein kleines Orchester verwandelt wird. Aber er verändert keine Harmonien und er fügt auch keine zusätzlichen musikalischen Linien hinzu. Nur an manchen Stellen ergänzt er Noten, aber nicht, um den Eindruck zu verstärken, sondern um musikalisch begründete Veräänderungen anzubringen.“

Es war zu Beginn des 20. Jahrhunderts populär, Transkriptionen zu schreiben und sie auch in Konzerten aufzuführen. „Ja, die berühmte Bach-Chaconne zum Beispiel. Eine Zeit lang hat jeder mit diesem Stück begonnen. Es ist eine fantastische Transkription. Aber ich finde, die Chaconne wurde dabei in ihrem Charakter verändert. Es ist kein Violinstück mehr, sondern ein Klavierstück. Die Rummel-Transkriptionen sind ganz anders. Auch wenn sie auf das Klavier übertragen wurden, bleiben sie doch immer noch Orchesterstücke oder Vokalstücke oder Solo-Gesangsstücke, je nachdem.

Walter Rummel war ein interessanter Mensch, nicht nur wegen seiner Musik. Er war ein hervorragender und erfolgreicher Pianist. Ich fand ihn auch deshalb interessant, weil er eine Menge zeitgenössischer Werke uraufführte, z.B. von Debussy. Das ist heute in Vergessenheit geraten. Er war auch intellektuell eine interessante Person. Ich entdeckte ihn, weil ich einige seiner Stücke besaß und Hyperion sie für die Reihe Bach Piano Transcriptions haben wollte.“

Polnische romantische Komponisten sind zwar Plowrights Spezialität, aber prinzipiell ist es überhaupt das Romantische an Musik, das ihm entspricht. „Ja, ich fühle mich sehr glücklich, diese Musik spielen zu köönnen. Da gibt es nur Weniges, was mir nicht liegt. Das wäre spanische Musik zum Beispiel, auch einige französische Musik. Ich liebe spanische Musik, aber ich glaube nicht, dass ich sie sehr gut spiele, also spiele ich sie nicht. Es gibt Pianisten, die das besser können. Ich glaube, dass ich französische Musik sehr gut spiele, aber manche meine Art von Interpretation nicht mögen würden. Allerdings ist einer meiner Lieblingskomponisten Franzose, das ist Poulenc. Er hat auch dieses Romantische und er hat diesen Sinn für Humor, den ich schätze. Seine Musik ist voller Überraschungen.“

Ein Ausnahme-Virtuose ist Jonathan Plowright sicherlich auch hinsichtlich seiner Auffassung von der Aufgabe des Solisten. Er vertritt eine Haltung, die angenehm unprätentiös erscheint. „Manchmal denke ich, dass ich bei Auffüührungen in erster Linie den Pianisten höre, der z.B. Rachmaninow spielt, oder den Pianisten, der Chopin spielt und so weiter. Aber ich möchte Rachmaninow hören, gespielt von dem und dem Pianisten oder Chopin, gespielt von ... Das Wichtigste ist der Komponist. Der Pianist ist ein Medium, er ist wie ein Spiegel. Der Pianist hat natürlich Selbstbewusstsein. Man muss Selbstbewusstsein haben, um spielen zu können, aber es darf nicht zu groß werden, weil man sonst glaubt, wichtiger zu sein als der Komponist. Meine Art zu denken ist, dass ich Beethoven spiele und dann zeige ich alles, was wunderbar ist bei Beethoven. Mein Selbstbewusstsein ist dabei natürlich auch involviert, und es signalisiert, dass ich es bin, der zeigen kann, was wunderbar ist an Beethoven. Manche aber sagen: ‚Ich werde euch zeigen, was an mir wunderbar ist. Ich spiele Beethoven, um zu zeigen, wie wunderbar ich bin.’ Ich denke, das ist falsch. Immer ist der Komponist das Wichtigste. Ich möchte dem Publikum zeigen, was bei Beethoven entscheidend ist. Das ist meine Philosophie.“

Bei den Klavierkonzerten von Stojowski muss sich der Pianist als Virtuose phasenweise in seinen pianistischen Möglichkeiten sehr zurücknehmen. Plowright ist in der Lage, selbst die ungünstigen Passagen so plastisch in einem selbstverständlichen Wechsel von Hervortreten und Zurückhalten auszugestalten, als ob es diese Hürde nicht gäbe. Vermutlich gelingt ihm dies deshalb, weil er sich die Absichten des Komponisten vor Augen führt und sich im Dienste der Komposition sieht.

„Ich glaube, dass Stojowski auf eine symphonische Art denkt. Manchmal ist der Klavierpart wie ein Teil des Orchesterapparats geschrieben. Man muss dann sehen, wie das Klavier durchkommen kann. Das Problem bei Stojowski ist manchmal, dass die Orchestration zu groß angelegt ist. Das Volumen wird zu groß und ich finde, das macht es sehr schwierig. Es ist sehr harte Arbeit, das zu spielen. Das ist besonders im ersten Konzert so. Man muss dem Orchester immer wieder sagen, dass es leiser spielen soll. Aber wenn es eine große Melodie hat, möchte es sie auch genießen. Sie wollen forte spielen und man sagt ihnen, nicht so forte. Das ist schwierig. Ich denke, Stojowski hat ein wunderbares Werk komponiert, aber was das betrifft, gibt es da ein oder zwei Fehler. In einem Chopin-Konzert kommt so etwas nicht vor. Da ist immerzu das Klavier im Mittelpunkt. Das Orchester hat keine Melodie, es gibt nichts für die Orchestermusiker, womit sie hervortreten könnten. Orchester bevorzugen Konzerte mit großen Melodien. Bei Stojowski hat jedes einzelne Instrument zu irgendeiner Etappe eine Melodie. Das Cello, die Violinen, jeder hat irgendwann eine Melodie. Ungünstigerweise haben sie manchmal eine Melodie als zweite Stimme zum Klavier. Dann werden die Orchesterinstrumente an einigen Stellen ein bisschen zu laut.“

Auch wenn Plowright früh schon Klavierspielen wollte, war es doch lange nicht sein Berufsziel, Pianist zu werden. Seine Eltern waren beide begeisterte Amateur-Pianisten, hatten aber nicht die Gelegenheit, Berufsmusiker zu werden.

„Als meine zwei Jahre ältere Schwester angefangen hat, Klavierunterricht zu nehmen, so hat man mir erzählt, fragte ich, ob ich das auch lernen darf. Aber ich glaube das nicht. Die Region in Yorkshire, aus der ich komme, ist eine Region, in der es Kohlebergbau gibt. Alle Jungen spielten Fußball und taten all das, was Jungs tun, eher männliche Dinge. Klavierspielen passte nicht dazu. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich danach fragte. Aber man sagt, dass ich das getan habe. Ich lernte sehr leicht, es gab keine Probleme. So begann ich, als ich fünf Jahre alt war.“

Später erhielt Plowright ein Stipendium für ein Internat, eine private, von Jesuiten geführte Schule im Norden Englands, die unter anderem auch Musikunterricht förderte. „Meine Mutter wollte, dass ich dorthin gehe, weil sie schon wusste, dass sie an Krebs sterben würde. Darüber hat sie aber nicht gesprochen. Sie wollte, dass sich jemand um mich kümmert, dass ich gut versorgt bin. Und sie wollte, dass ich auf eine gute Schule gehe, eine gute Ausbildung erhalte, nicht auf eine örtliche Schule, sondern eine Schule, die von Jesuiten geführt wurde. Sie hatte erfahren, dass die Erziehung bei den Jesuiten sehr gut war. Das war sie nicht nur für Musik, sondern für alle Bereiche. Ich bekam ein Stipendium, die Schule bezahlte meine Gebühren. Ein Jahr, nachdem ich dort aufgenommen wurde, ist sie gestorben.

Die Jesuiten-Schule, eine reine Jungenschule, war sehr streng. Wir mussten an allem teilnehmen. Gebete und so weiter. Man musste sehr früh aufstehen. Wir haben das alles aber einfach so mitgemacht. Wir hatten kein großes Interesse daran. In die Kirche gehen war wie Hausaufgaben machen. Aber es ist interessant, dass diejenigen, die diese Schule besucht haben, sehr viel Selbstvertrauen haben. Nicht, weil sie so herausragend wären. Egal, in welchem Beruf sie sind, sie haben ein starkes Selbstvertrauen. Das wurde nicht in dem Sinne gelehrt, aber man wurde ermutigt in der Schule, viele verschiedene Dinge zu tun. Musik war nur ein Teil davon und kein sehr wichtiger, dafür gab es bessere Schulen im Land. Aber für eine allgemeine Erziehung war es eine gute Schule. Die Jesuiten waren nicht daran interessiert, Schüler hervorzubringen, die überall die besten waren, um dann zu einer Top-Universitäät zu gehen. Prüfungen waren nicht die wichtigste Sache, entscheidend war, in die Lage versetzt zu werden, seinen eigenen Weg gehen zu können. Das ist ganz typisch für die Jesuiten. Ob man es richtig oder falsch findet: sie waren Missionare und hatten der Welt eine Botschaft zu bringen. Dazu braucht man Selbstvertrauen. Es ist eine Art von Unabhängigkeit. Egal, welchen Beruf man ausübt, braucht man dieses Selbstvertrauen. Ob man Koch ist oder Musiker oder Wissenschaftler.

Meine Mutter hatte dem Musikdirektor der Schule gesagt, ‚Jonathan ist faul, er arbeitet nicht, er ist ein typischer Junge. Veranlassen Sie ihn dazu zu arbeiten.‘ Das tat er dann auch. Er war eigentlich Organist. Ziemlich schnell hat er erkannt, dass da etwas war, was er mir nicht beibringen konnte. Also schickte er mich nach London, wo ich Klavierunterricht bei einem Professor der Academy of Music bekam. Der Musikdirektor der Schule hatte früher selbst bei ihm studiert. Er versprach, er sei fantastisch.“

Einmal im Monat fuhr Jonathan Plowright mit dem Zug nach London, um lange Unterrichtsstunden über viereinhalb Stunden zu erhalten. Die Fahrt mit dem Zug dauerte jeweils drei Stunden, eine Stunde Mittagessen. „Ich musste um sechs Uhr morgens los. Es war ein langer Tag und ich hasste es. Die Leute vermuten automatisch, dass man, wenn man etwas gut kann, es auch tun will. Aber ich war ein typischer Teenager. Jeder wollte, dass ich Pianist werde, also sagte ich, nein, ich mache etwas anderes. Ich wollte Architekt werden oder ein professioneller Fußballspieler oder was auch immer.“

Plowright beendete die Schule und wusste zunächst nicht, was er tun sollte. „Ich hatte keine Idee. Ich hätte zum Musikcollege gehen können, aber ich entschied mich gegen das Klavier. Ich wollte zur Universität gehen für drei Jahre und danach entscheiden. Das war 1979. Ich wollte Zeit haben. So ging ich nach Birmingham, um Musik zu studieren. Es war das Einzige, was für mich in Frage kam. Aber ich wollte es eigentlich nicht machen. Unglücklicherweise bin ich nach dem ersten Jahr durch alle Examen gefallen, und man sagte mir, ich sollte von der Universität gehen. Ich hatte Panik, was sollte ich nun tun? Ich rief meinen früheren Klavierlehrer an, der dann wiederum meinen Professor in London kontaktierte. Der nahm mich dann als Schüler an. Im darauf folgenden Jahr habe ich wieder nichts gemacht. Ich wollte kein Pianist werden. Aber mein Klavierprofessor, es war Alexander Kelly, war sehr klug. Er kannte mich seit ich 15 Jahre alt war, ich war jetzt 19 oder 20. Jonathan Plowright
Jonathan Plowright
Foto: Diana Shaw
Er wusste, dass mein ganzes Leben lang Menschen versucht haben, mich zum Pianisten zu machen. Er blieb also im Hintergrund und ließ mich selbst entscheiden. Jede Woche ging das dann so, ich kam in die Stunde, ohne geübt zu haben. Aber er sagte nichts. Im Laufe des Jahres entschied ich mich dann selbst. Irgendwann wusste ich, dass ich Konzertpianist sein möchte. Das ist, was ich gerne mache. Kelly war ein guter Pädagoge. Er hat es genau richtig gemacht, mich in Ruhe zu lassen. Nach dieser Entscheidung fing ich an zu arbeiten und er war fantastisch. Er war der Mensch, der mich in meinem Leben am meisten geprägt hat. Das kam anfangs durch die Freiheit, die er mir gegeben hat, meinen eigenen Weg zu gehen. Aber dann, als ich entschieden hatte und ernsthaft zu arbeiten begann, gab er mir sehr viel von seiner Zeit. Er erteilte mir zwei oder drei oder vier Stunden in der Woche. Wenn er mich sah, forderte er mich oft auf, ‚Jonathan, komm herein, spiel etwas’. Wir redeten und gingen hinterher zusammen ins Pub und tranken Bier. Er war eine Mischung aus bestem Freund, Vater, Mentor, alles. Er hatte eine Art, einem das Gefühl zu geben, man sei etwas Besonderes. Ich weiß nicht, wie er das getan hat. Als er vor zehn Jahren gestorben ist, war die Kirche bei seiner Beerdigung voll. Ich habe mit vielen gesprochen, mit Studenten von ihm, mit Freunden. Alle haben das Gleiche gesagt: ‚Ich fühlte mich bei ihm wie etwas Besonderes.‘ Er war ein Humanist. Ich glaube, er gab sein Leben dem Unterrichten. Er selbst war etwas Besonderes. Es war in seinem Unterricht manchmal sogar so, dass er in der Weise ermutigt hat, dass man immer besser wurde bis man so gut gespielt hat, dass man das Gefühl hatte zu fliegen. Das war fantastisch! Aber am Ende des Unterrichts wollte ich die Stücke dann nicht mehr spielen, weil ich wusste, dass ich nie mehr so gut sein könnte und enttäuscht sein würde. Kelly war fasziniert von den Farben, die man dem Klavier entlocken kann. Er verbrachte Stunden um Stunden, nur um einen Akkord zu spielen und versuchte verschiedene Klänge herauszuholen.“

Mit Abschluss seines Klavierstudiums gewann Plowright 1983 die Goldmedaille an der Academy of Music in London, wurde Commonwealth Musician of the Year und kurz darauf Fulbright Scholar, um am Peabody Konservatorium in Baltimore bei Julio Esteban zu studieren zu können. 1989 gewann er den ersten Preis beim Europäischen Klavierwettbewerb und ist seither weltweit mit einem breiten Repertoire in Erscheinung getreten. Sein Engagement für die polnische Musik führte dazu, dass er zu Musikereignissen von bedeutenden polnischen Kultureinrichtungen eingeladen wird, Konzerte zu geben: So spielte er anlässlich des 60. Todestages von Stojowski im Polish Music Centre der University of Southern California, die Kosciuszko Foundation veranstaltete ein Konzert in der Weill Hall New York, er erhielt auch eine Einladung durch die Paderewski Memoriam Foundation für das Abschlusskonzert der Feiern zum Paderewski-Jahr 2001 des polnischen Parlaments in Warschau.

Neben seiner Konzerttätigkeit unterrichtet Plowright heute an der Royal Scottish Academy of Music & Drama in Glasgow, und er ist Head of Keyboard an der Universität in Chichester, wo er konzeptionell und beratend arbeitet.Seine Konzert- und Unterrichtstätigkeit sieht er als sich gegenseitig befruchtende Aufgaben. „Unterrichten bewirkt, dass man auf ganze andere Art über das nachdenkt, was man spielt. Umgekehrt ist das Konzertieren wichtig für das Renommee der Akademie. Meine Schüler wollen ja auch selbst auftreten. Es ist gut für den Unterricht, wenn ich auftrete und es ist gut für die Konzerte, wenn ich unterrichte. Es gibt da keine Konkurrenz zwischen den Bereichen. Ich versuche heute, es Kelly gleichzutun und jeden in seiner Eigenart zu sehen. Jeder braucht seine eigene Art von Ermutigung.“

Astrid Konter [1.4.2008]

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