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Simone Young

* 02.03.1961 in Sydney

Biographie Diskographie [9]

Text

Anspruchsvolles Projekt: Der Hamburger Bruckner-Zyklus von Simone Young

Oehms Classics veröffentlicht die Urfassungen der Bruckner-Sinfonien

Kontinuierlich setzt Simone Young mit den Philharmonikern Hamburg ihre Serie der Urfassungen der Sinfonien Anton Bruckners fort. Nach den Sinfonien Nr. 2, 3 4 und 8 folgte am 24./25.1. 2010 die Erste, die sogenannte „Linzer", die im Gegensatz zu den anderen „Urfassungen" am wenigstens umstritten in der Konzertpraxis ist. Renommierte Dirigenten wie Claudio Abbado, Eugen Jochum oder Stanislaw Skrowaczewski haben die erste Version von 1865/66 der späteren „Wiener Fassung" von 1890 vorgezogen. Nur Günter Wand entschied sich bei seiner 1981 eingespielten Kölner Aufnahme, wie bei allen anderen seiner Einspielungen, für die spätere Version. Während bei den späteren Sinfonien wie der Vierten oder Achten die Urfassungen fast nie gespielt werden, hat sich bei der Ersten die Frühfassung durchgesetzt.

Simone Young nähert sich diesem Werk eher von den Vorläufern Schubert oder Mendelssohn her. Das erhält der Sinfoie ihre ursprüngliche Frische und Lebendigkeit, lädt sie nicht mit unnötiger teutonischer Schwere auf. Man darf also schon gespannt sein auf den CD-Mitschnitt bei Oehms Classics, der voraussichtlich im Herbst vorliegen wird.Simone Young
Simone Young
Foto: Reto Klar/OehmsClassics

Der erste Teil des Konzerts war dem Bruckner-Zeitgenossen Johannes Brahms gewidmet und stand leider unter keinem guten Stern. Ursprünglich war als Solist Thomas Quasthoff verpflichtet worden, der von der Elbphilharmonie auch als „Artist in Residence" 2009/10 ausgerufen ist. Aus wichtigen persönlichen Gründen hatte er leider die beiden Konzerte absagen müssen, und Simone Young hatte den Alberich ihres Ring-Zyklus gefragt, den Bariton Wolfgang Koch, die Vier Ernsten Gesängen von Brahms in der Orchestrierung des gebürtigen Hamburgers Detlev Glanert zu singen. Dieser wiederum hatte am 24.1. morgens (das Konzert begann um 11 Uhr) wegen einer Lebensmittelvergiftung absagen müssen. In dieser ernsten Situation entschied sich die Dirigentin, ihre Solo-Cellistin Olivia Jeremias mit der Aufführung des Soloparts zu betrauen. Die junge Solistin hatte gerade einmal eine Stunde Zeit sich die Noten anzusehen, bzw. die Assistenten von Frau Young mussten noch per Hand Noten erstellen. Diese Situation erinnert an einen Fall in der Musikgeschichte, wo Rossini die Ouvertüre zu einer seiner Opern noch in der Nacht zuvor komponierte und Händel angeblich nur drei Wochen für seinen Messias brauchte. Ich empfehle jedem, den Messias einmal von Hand komplett abzuschreiben, um diese Legende zu verifizieren. Ohne Text erklang somit Brahms Spätwerk, entstanden 1896 nach dem Tod von Bruckner und der geliebten Clara Schumann. Olivia Jeremias spielte klangschön, sauber, aber es fehlte die Textdeklamation. Das Orchester begleitete aufmerksam und zurückhaltend, denn das Cello kann sich in der Baritonlage an einigen Stellen wegen fehlender Artikulationsmöglichkeiten gegenüber der menschlichen Stimme nicht gegen ein volles Brahms-Orchester durchsetzten. Glanert instrumentiert feinfühlig, fügt dem normalen Orchester nur eine Harfe hinzu (bei Brahms meines Wissens nur im Deutschen Requiem vorhanden). Er folgt strikt dem Notentext der Ernsten Gesänge op. 121, fügte ihm jedoch Vor-, Zwischen- und ein Nachspiel hinzu und macht es zu einem ca. 25-minütigen neuen Zyklus. In der hinzugefügten Musik geht er vorsichtig über die Brahmssche Klangwelt hinaus in Richtung etwa von Mahler oder Henze. Bei der Leistung von Solistin und Orchester fragt man sich natürlich, was hätte Quasthoff aus diesem Werk gemacht? Dem Liedzyklus war dramaturgisch sinnvoll die Tragische Ouvertüre op. 81 vorangestellt worden, die Simone Young rhythmisch lebendig und zügig musizieren ließ, das Tragische als rhetorisch-musikalische Geste umsetzte, und nicht als Aufforderung zu Schwerfälligkeit. Hier zeigten sich bereits die Eigenschaften, die auch den Hauptteil des Konzerts nach der Pause bestimmten: sorgfältige Phrasierung, Spontaneität des Zugangs und Frische. Die Bruckner-Sinfonien erscheinen bei OehmsClassics
Die Bruckner-Sinfonien erscheinen bei OehmsClassics
Bei Bruckner bewährt sich besonders die Orchesteraufstellung mit gegenüber positionierten ersten und zweiten Geigen im regelmäßigen Dialog. In der Akustik der Laeiszhalle sind gelegentlich die heutigen Blechbläser mit ihren gegenüber dem 19. Jahrhundert anders mensurierten Instrumenten zu laut für das Publikums im Parkett, was aber voraussichtlich bei der Balance durch die Tontechnik für die angekündigte CD ausgeglichen werden dürfte.

Der Bruckner-Zyklus soll demnächst mit der Nullten und der Sinfonie f-Moll fortgesetzt werden. Parallel dazu steht auch der Ring-Zyklus mit der Götterdämmerung Premiere an der Hamburgischen Staatsoper im März vor seinem Ende, wobei ab 13.3. der Ring komplett aufgeführt werden soll. Wolfgang Koch dürfte dann hoffentlich wieder ganz gesund sein.

Helmut Schmitz [12.2.2010]

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