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Boris Cepeda


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Anspruch, Versuch und Gelingen

Ein "Mendelssohnfest" in Ecuador mit starker Hindemith-Beteiligung

Der aus Ecuador stammende Pianist Boris Cepeda ist nicht nur ein gewiefter, vielseitig gebildeter, technisch zuverlässiger Klavierspieler, sondern auch ein „Spieler“ auf der Bühne riskanten Veranstalterwesens. In Bremen an der Hochschule der Künste unter der prägenden Aufsicht des Pianisten Kurt Seibert ausgebildet, fasste Cepeda – indianischer Herkunft – den Entschluss, in seinem Heimatland ein Festival zu gründen. Ein Festival 2009 unter dem Eindruck des nahezu weltweiten Mendelssohn-Gedenkens, aber mit dem mutigen, fast schon selbstmörderischen Parallelgedanken, auch das Schaffen Paul Hindemiths in Erinnerung zu rufen. Und auf einer dritten programmatischen Linie wagte es Cepeda, jene Komponisten anzubieten, die im nationalsozialistischen Vorzeigelager Theresienstadt musizieren, proben, komponieren und sich präsentieren durften, ehe sie nach Auschwitz oder in andere Konzentrationslager in den Tod geschickt wurden! Begründen konnte Cepeda diesen Festival-Akzent mit der 200 Jahre zurückliegenden Unabhängigkeitserklärung von Quito – der auf ca. 2800 Meter Höhe faszinierend schön gelegenen Hauptstadt Ecuadors (dem, nebenbei bemerkt, artenreichsten Land der Erde mit seinen Amazonas-Anteilen, mit den an Vulkanen reichen Anden, mit der Pazifik-Küste und den nicht weit entfernten Galapagos-Inseln!).

Mit Kompositionen von Mendelssohn Bartholdy, Hindemith, Pavel Haas und Viktor Ullmann, aber auch von Beethoven und Schumann waren somit revolutionäre, aufbegehrende Momente eigenwilligen Künstlerlebens in Verbindung mit politischem Engagement gesichert – und es galt in Verbindung mit gepeinigten, ihrer Herkunft wegen bedrohten Naturen immer wieder inne zu halten, zu reflektieren, was Ausgrenzung und Vertreibung für den Einzelnen und für eine Nation bedeuten, die wie Ecuador unter den spanischen Eroberern, also unter einer Besatzungsmacht gelitten hat.Boris Cepeda, Pianist und künstlerischer Leiter des Festivals
Boris Cepeda, Pianist und künstlerischer Leiter des Festivals
Foto: Peter Cossé

Die Konzerte, Workshops, Meisterkurse und Vorträge fanden in zwei Abteilungen statt: eine kurze Initialphase im Juni und dann mit großem Engagement und logistischem Aufwand vom 3. September bis 2. Oktober. Neben der Hauptstadt Quito hatten Cepeda und sein kleines, überwiegend familiäres Team, die Städte Cuenca, Guayaquil, Ibarra, Manta und Riobamba als Aufführungsstationen gewählt. In Verbindung mit den lokalen Kulturinstitutionen, mit den regionalen Musikschulen und – wie etwa in der quirligen Hafenstadt Guayaquil – im Zusammenwirken mit dem dort ansässigen Sinfonieorchester, das mit seinen vielen Emigranten aus Europa und unter der Leitung seines armenischen Chefdirigenten Davit Hatutyunyan nicht nur bestens vorbereitet wirkte, sondern erhebliche Spiel- und Klangkultur bestätigte. Zumal mit einer ecuadorianischen Erstaufführung von Hindemiths Violakonzert Der Schwanendreher, dessen musisch-geschichtliche Hintergründe dem leider sehr zählbar erschienenen Publikum wohl unerklärt blieben. Indessen erlebte man dank der phänomenalen holländischen Bratschistin Esther van Stralen eine von entschiedener Illustration, von nervigem Ton und wendiger Technik getragene, ja verfeinerte Darstellung, die im Saal und auf dem Podium bei den Kollegen ihre Wirkung nicht verfehlte.

Der schüttere Besuch in Guayaquil – und nicht nur dort! – wird man auf mehrere Gründe zurückführen dürfen. Für das Musikleben des Andenstaates bedeutet ein solches Festival alles andere als den kulturellen Normalfall, vor allem mit einem musikalischen Schwerpunkt wie Hindemith, mit dessen Werken sich auch hiesige Veranstalter kaum an die Öffentlichkeit wagen würden. Hinzu kommt, dass die organisatorischen Willensbekundungen immer wieder an den Möglichkeiten der weit über das Land gestreuten Institutionen scheitern, zumal Grisell Cepeda - Schwester von Boris Cepeda und für den Ablauf des "Mendelssohnfestes" verantwortlich
Grisell Cepeda - Schwester von Boris Cepeda und für den Ablauf des "Mendelssohnfestes" verantwortlich
Foto: Peter Cossé
Festspiel-Intendant Boris Cepeda (mit Hilfe seiner Schwester Grisell und seiner Mutter Lucia Hernández) auch als Interpret dem programmatischen Verlauf entscheidende Richtung zu geben sucht (und dies auch meistens schafft). Beethovens Es-Dur-Klavierkonzert, ein Soloabend mit Werken von Beethoven und Mendelssohn, ein Abend mit dem (entsetzlich distonierenden, schamlos unvorbereitet wirkenden) Geiger Jorge Saade, daneben Einführungsvorträge für Schüler und Studenten – ein gewaltiges Pensum in einem Land, das überaus herzliche, uneigennützige Menschen beherbergt, in dem aber Zuverlässigkeit nach unseren Maßstäben bis auf Weiteres nicht einzufordern ist. So war es erst gegen Ende aller Festspiel-Aktivitäten möglich, die umfassende Programmbroschüre in Händen zu halten – bis dahin mussten eiligst angefertigte Flyer genügen…

Als wichtige, Der Autor vor Ort
Der Autor vor Ort
Foto: Peter Cossé
ja im wahrsten Sinne des Wortes gewichtige Stütze der Konzerte erwies sich der deutsche Hindemith- und Reger-Kenner Kurt Seibert. Mit der genannten Esther van Stralen protegierte er Sonaten von Hindemith und Mendelssohn, im Alleingang auf einem vernachlässigten Hauptstadt-Steinway u.a. Hindemiths Sonate Nr. 3 – mit sicherem Klang- und Bewegungsempfinden, gelegentlich beeinträchtigt in den grifftechnischen Anforderungen, wobei man vor allem in Quito einkalkulieren muss, dass es für einen Europäer nicht leicht ist, auf 2800 Meter Höhe sein körperlich Bestes zu geben. So ist es im großen, modernistisch-kühlen, aber akustisch vorzüglichen Konzertsaal üblich, ein Rotkreuz-Team bereitzuhalten, das dem Künstler in der Pause mit dem Sauerstoffgerät zu Hilfe kommt…

Es ist zu hoffen, dass Flugverbindung zwischen der Hauptstadt Quito und Loja
Flugverbindung zwischen der Hauptstadt Quito und Loja
Foto: Peter Cossé
Boris Cepeda und seine sympathische Mannschaft für die Zukunft, am besten natürlich für das kommende Jahr schon die Sponsoren und die kooperierenden Institutionen in den verstreuten Kommunen Ecuadors interessieren, also auf Festival-Kurs halten können. Natürlich wird man sich um eine Namensänderung kümmern müssen, denn als „Mendelssohnfest“ kann man ein solches Unternehmen nicht für immer platzieren. Aber die Leute im nördlichen Südamerika sind flexibel. Sie könne auf die Hilfe deutscher Organisationen rechnen – und sicher auch auf den vermehrten Zuspruch der Einheimischen, die sich nach den Hindemith-Experimenten vielleicht auf einen Chopin-Schwerpunkt freuen dürfen.

Informationen: www.mendelssohnfest.org bzw. info@mendelssohnfest.org

Peter Cossé [14.12.2009]

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