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Texte: Komponisten

Fröhliche Frühromantik für Fagottisten

Finale im Fach Fagott beim ARD-Musikwettbewerb

Mathis Stier, Fagott, erhielt den 2. Preis und den Publikumspreis

Mathis Stier, Fagott, erhielt den 2. Preis und den Publikumspreis
Foto: BR / Daniel Delang

Für das „große Finale“ hatten die Kandidaten die Auswahl zwischen dem mit der italienischen Oper kokettierenden Concertino von Bernhard Crusell und einem der beiden größer dimensionierten Konzerte von Carl Maria von Weber oder Johann Nepomuk Hummel. Letztere weisen beide einen Mozart-Bezug auf: Hummel war Schüler des Salzburgers, Weber bekanntermaßen ein Vetter von dessen Frau Constanze.

Weniger bekannt sind jedoch die Tücken des Instruments, dem von allen Holzblasinstrumenten die komplizierteste Griffweise zueigen ist. Im Umfang ist es mit fast vier Oktaven der Klarinette vergleichbar. Seine Grundskala liegt auf F, wurde aber mit Klappen für beide Daumen bis zum Kontra-B nach unten erweitert, so dass jeder Daumen vier zusätzliche Klappen zu bedienen hat (7 für die Erweiterung, 1 Oktavklappe zur Erleichterung des Überblasens in höhere Oktaven), was die Applikatur nicht eben intuitiv macht. Auch erfordern schnelle Staccatopassagen, wie sie in den Konzerten gehäuft auftreten, eine extreme Beweglichkeit des einfachen Zungenstoßes, da Doppel- und Tripelzunge anders als auf Flöten- und Blechblasinstrumenten auf Doppelrohrblattinstrumenten bei der Verwendung schwererer Rohrblätter nur mangelhaft ansprechen.

Theo Plath (Deutschland) wählte als Einziger das Weber-Konzert. Er ist der geborene Lyriker und Fagott-Belcantist, verfügt über eine ungemein weiche, wohlklingende Höhe und vermag Phrasen mit sensibler Mikrodynamik feinstens abzutönen und dadurch geradezu zu liebkosen, ohne jemals die Gesamtentwicklung aus den Augen zu verlieren. Er kommuniziert über Gestik und Spiel mit den Kollegen, so dass diese seine feinsinnigen Rubati jederzeit abfangen können. Er kennt keine artikulatorischen Probleme, seine Rhythmik federt, was dem Finale Eleganz und Schwung verleiht. Das Adagio gelang ihm in überirdisch-halkyonischer Schönheit.

Andrea Cellacchi (Italien) und Mathis Stier (Deutschland) entschieden sich für das technisch noch etwas anspruchsvollere Hummel-Konzert. Dessen Schwierigkeit zeigte sich unter anderem dadurch, dass Cellacchi einige virtuose Läufe abbremsen musste. Insgesamt litt seine Interpretation unter einem mangelnden Gestaltungswillen: Alles stimmte, war korrekt, wirkte aber durchwegs brav, weil das Mikrotiming der Phrasen für zu wenig Abwechslung und Individualität sorgte. Diese lieferte dann Mathis Stier in vorbildlicher Weise nach, wenngleich er noch an seiner etwas spröde klingenden Höhe arbeiten könnte. In allen Phrasen präzise, artikulierte er elegant (Repetitionsfiguren!), zeigte eine schöne kreative Freiheit in kadenzierenden Momenten. Seine Sequenzen folgten einer inneren Dramatik und seine immer zielgerichtete Agogik ermöglichte Übergänge, die auch das Orchester hörbar inspirierten. Weiterhin zählten seine brillanten, in der Geschwindigkeit nuancierten Trillerketten, der vorbildliche klangliche Zusammenhalt weiter Intervallsprünge und der humorvolle Swing in der „Ländlerepisode“ des Finales zu den Höhepunkten des Nachmittags.

Das Münchner Rundfunkorchester unter dem jungen russischen Kapellmeister Valentin Uryupin – Gewinner zahlreicher Wettbewerbe sowohl für Klarinette (!) als auch als Dirigent – meisterte den in beiden Werken durchaus reizvollen und farbigen Orchesterpart mit Gusto und Spielfreude.

Gerne hätte die Jury wohl zwei erste Preise vergeben, was aber das Reglement nicht zulässt. Somit erhielten Andrea Cellacchi – der auch den Preis für die beste Interpretation des Auftragswerks erhielt – und der zusätzlich mit dem Publikumspreis ausgezeichnete Mathis Stier jeweils zweite Preise, was durch die Wahl des technisch und konditionell stärker fordernden Werks gerechtfertigt sein mag, der dritte Preis ging an Theo Plath. Für mich jedoch wurde die Leistung Theo Plaths, der im Semifinale bereits ein wundervoll durchgestaltetes Mozart-Konzert dargeboten hatte, damit nicht gebührend gewürdigt.

Thomas Baack [15.9.2019]

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