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Texte: Komponisten

Das goldene Mittelmaß

Semifinale Cello beim ARD-Musikwettbewerb

Sechs Semifinalisten und sechsmal Joseph Haydn: Diese Werkauswahl war nicht nur austauschbar, sondern im Grunde absolut vorhersehbar. An den Regeln lag es nicht. Tatsächlich standen beim ARD-Musikwettbewerb in München im Semifinale im Fach Cello nicht nur eines der zwei Cellokonzerte in C-Dur oder D-Dur von Haydn zur Auswahl. Vielmehr hätte auch wahlweise von Carl Philipp Emanuel Bach das Cellokonzert in B-Dur Wq 171 oder in A-Dur Wq 172 gespielt werden können. Alle wählten Haydn. Seine Cellokonzerte sind bestens bekannt, gehören zum festen Repertoire – ganz anders die Konzerte des Bach-Sohns.

Allein dies spricht nicht gerade für die Neugierde der jungen Wettbewerber – und schon gar nicht für ihre Risikofreudigkeit. Nur zwei Semifinalisten wählten das C-Dur-Konzert, die Mehrheit wetteiferte mit dem „virtuoseren“ in D-Dur. Ein Ergebnis ist herausgekommen, das auf ganzer Linie enttäuschte. Unter den sechs jungen Männern, die es in das Semifinale geschafft hatten, war gefühlt kein veritabler Sieger dabei. In puncto Stilgerechtigkeit und Intonation ließen sämtliche Haydn-Interpretationen zu wünschen übrig, obwohl das Münchener Kammerorchester (MKO) mit Konzertmeisterin Yuki Kasai eine stilgerechte und agile Plattform bereitete.

Der Jury dürfte es nicht leicht gefallen sein, die Finalisten zu küren – auch weil die Leistungen in jeder Hinsicht eng beieinander lagen. Am Ende erhielten Friedrich Thiele aus Deutschland, Haruma Sato aus Japan und Sihao He aus China den Zuschlag. Dagegen sind Anton Spronk (Niederlande/Schweiz), Marcel Johannes Kits (Estland) und Jérémy Garbarg (Frankreich) aus dem Wettbewerb geflogen. Verständlich war das nicht. So war es beispielsweise Kits, der im C-Dur-Konzert alle Orchester-Tutti fast vollständig mitspielte. Ähnlich machte es Spronk im D-Dur-Werk.

Von den gekürten Finalisten war es hingegen nur der Japaner Sato, der in den Tutti mitspielte. Eine Kleinigkeit ist das keineswegs, weil dies den ursprünglichen Geist des Konzerts in Barock und Klassik ganz wesentlich ausmacht. Bei den Kadenzen schienen sich indessen alle Kandidaten übertrumpfen zu wollen – mit einer akrobatischen Virtuosität und großen Geste, die ganz und gar nicht zum Stil Haydns passte. Von den Finalisten hat Sato mit Haydn auch sonst den insgesamt besten Eindruck hinterlassen.

Mit seinem warmen, samtenen und zugleich recht agilen Klang konnte er über weite Strecken einnehmen, wohingegen Thiele mit hellhörigen Differenzierungen in der Dynamik überzeugte. Ähnlich wie auch He war Thiele überdies am stärksten bemüht, einen direkten Kontakt zum Orchester herzustellen. Von einem partnerschaftlichen Miteinander auf Augenhöhe, ein ganz zentrales Merkmal des Konzerts in jener Epoche, war dies allerdings noch immer weit entfernt – ganz zu schweigen von dem insgesamt recht eintönigen, wenig differenzierten Einsatz des Vibratos.

Hier war es der ausgeschiedene Franzose Garbarg, der mit einer feinen, entschlackenden Phrasierung aufwartete. Ein gutes Gespür für die Wahl der Tempi hatten He und Kits, zumal sie die Adagio-Sätze wohltuend fließend auffassten. Neben Haydn stand beim Semifinale zudem die Interpretation des Auftragswerks an. Für die Cellisten hat der tschechische Komponist Martin Smolka zwei Studien für Solo-Cello geschrieben. Der Werktitel Like Ella verweist darauf, dass der Celloklang der Stimme von Ella Fitzgerald ähneln solle, so Smolka im Werkkommentar.

„Süß, weich, angenehm, gleichzeitig aber etwas heiser, rasselnd und schmutzig“: Mit diesen Worten beschreibt Smolka die Stimme Fitzgeralds und somit auch den Klang, der ihn vorschwebt. Dabei geriert sich sein Werk als Studie von Flageolett-Tönen, die „flautando“, auf dem Griffbrett, mit Glissandi oder viel Vibrato gespielt werden sollen. Hier fanden Thiele und Sato besonders intensive, packende Zugänge – wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise. So betonte Thiele das Expressive dieser fragilen Musik, um eine ungeheure Ausdrucksdichte zu entfesseln.

Seine Interpretation des Auftragswerks von Smolka legte mehr das klangpoetische Profil dieser Musik frei, um die „süßen, weichen, angenehmen“ Potentiale zu betonen, von denen Smolka spricht. Das „Heisere, Rasselnde, Schmutzige“ deckte hingegen Sato ab. Im Gegensatz zu Thiele nahm er sich weniger Zeit, obwohl gerade hierin eine große Stärke verborgen liegt – weil erst dann diese Musik tief in Raum und Zeit atmen kann. Genau damit hatten die anderen Mitstreiter teils erheblich zu kämpfen. Über weite Strecken blieb es bei spröden Studien, wobei die technischen Umsetzungen bisweilen erheblich schwächelten.

Marco Frei [11.9.2019]

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