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Eindeutiges Ergebnis

Finale im Fach Violine beim Musikwettbewerb der ARD

Sarah Christian (Violine)

Sarah Christian (Violine)
Foto: Daniel Delang, BR

Angesichts des Programms des Finales im Fach Violine sei ein Hinweis an die Leitung des ARD-Musikwettbewerbs gestattet. Wenn man mehrere konzertante Werke zur Auswahl stellt, welche die Teilnehmer im Fall eines Weiterkommens bereithalten müssen, sollten diese in der Konzertpraxis ungefähr gleich geläufig sein. Das galt im Semifinale Klavier schon nicht für das Klavierkonzert A-Dur KV 488, das viel bekannter ist als die KV-Nummern 414, 415 oder 459 und, wie zu erwarten, denn auch gleich dreimal gewählt wurde. Ähnlich sinnlos war es, neben dem populären ersten der beiden Violinkonzerte Sergej Prokofjews Bartóks seltenen Erstling, vor allem aber das Violinkonzert Samuel Barbers in das Repertoire aufzunehmen, das außer in Amerika kaum jemand aufführt. Gespielt wird von den Geigerinnen und dem Geiger des Finalkonzertes schließlich, oh Wunder, dreimal Prokofjew.

Das Ergebnis fällt, weil die Leistungen der drei Finalisten so unterschiedlich sind, denn auch eindeutig aus. Sowohl die Lettin Kristine Balanas als auch der Italiener Andrea Obiso legen ordentliche Versionen vor, die aber nicht frei von Mängeln sind. Im Falle Balanas sind das der gerade in der Tiefe, aber auch bis in die Mitte hinauf spröde, leicht strohig wirkende Ton, der den ätherischen Beginn des ersten Prokofjew-Konzertes nur wenig träumerisch abheben lässt. Die eckigen Passagen liegen ihr weit mehr, sie akzentuiert sie, ähnlich wie das Pizzicato, stärker als es die Partitur verlangt, neigt auch dazu, aus Piani Forte zu machen und etabliert so eine zwar sehr eindringliche Spielart, die jedoch mit der Zeit auch etwas gleichförmig wird.

Kristine Balanas´ Version ist dafür weitaus charakteristischer als die Andrea Obisos. Sein Ton ist gepflegter, auch einmal, vor allem in der tiefen Lage, pastos, seine Dynamik und Artikulation präziser, wodurch das rhythmische wie motorische Moment der Musik besser greifbar wird. Er entwickelt Leidenschaft, ohne dabei so harsch zu erscheinen wie Balanas.

Alle drei Finalisten haben einmal mehr, zweimal etwas weniger Probleme, die vielen Skalen mit ihren winzigen Notenwerten so deutlich auszuführen, dass man selbst im schnellsten Tempo alle Töne unterscheiden kann. Doch die Deutsche Sarah Christian übertrifft ihre beiden Mitstreiter um Längen an Musikalität. Bezeichnenderweise ist sie die einzige, die sich am Anfang Zeit nimmt, sich in die Musik einzuschwingen, und tatsächlich gelingt es ihr, sich in jeden Ton, jede Phrase einzufühlen. Mit zartem Ton erfüllt sie selbst das vom Komponisten oftmals mechanisch gehaltene Figurenwerk. Es gelingt ihr auch mit ihrer sensiblen, akut auf die Musik achtenden Weise weitaus besser, die Formteile der einzelnen Sätze zu organischen Einheiten zu verschmelzen. Kleine Abstriche muss man im Scherzo machen, das der geborenen Lyrikerin nicht so entgegen kommt. Dass ihr der Dirigent Michael Francis mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks nicht geschmeidiger folgt, wenn sie sich Freiheiten nimmt, liegt nicht in ihrer Verantwortung. Wenn die Jury einen ersten Preis mit kleinem Minus vergeben könnte, würde er Sarah Christian zustehen.

Und fast so kommt es dann auch. Der dritte Preis geht verdient an Kristine Balanas. Sarah Christian und Andrea Obiso teilen sich einen zweiten Preis. Das ist zwar eine nicht ganz befriedigende Lösung, doch die reifere Leistung Frau Christians wird wenigstens durch den zusätzlich gewonnenen Publikumspreis abgebildet.

Michael B. Weiß [7.9.2017]

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