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Prüfstein Mozart

Semifinale im Fach Violine beim 66. Internationalen Musikwettbewerb der ARD

Es ist eine Binsenweisheit, dass Wolfgang Amadeus Mozarts Musik am schwersten zu spielen ist. Sie bewahrheitet sich auch im Semifinale des ARD-Musikwettbewerbs im Fach Violine, selbst, wenn das allgemeine Niveau, wie zu erwarten, beeindruckend hoch ist. Die sechs jungen Virtuosen, die es durch die ersten beiden Durchgänge geschafft haben, führen bei dieser Runde, begleitet von dem Münchener Kammerorchester, fast alle Violinkonzerte Mozarts auf; nur das zweite wurde nicht ausgewählt.

Doch es gelingt nur einer Geigerin, der Deutschen Sarah Christian, Mozarts luzide Musiksprache so sprechend wie gesanglich zu artikulieren und dabei das für ihn so spezifische gestische Moment zu verwirklichen. Sowohl Melodik als auch Figurenwerk des fünften und letzten der Konzerte A-Dur KV 219 formt sie mit ihrem feinen Ton und ihrem hochmusikalischen Staccato in quasi dreidimensionaler Räumlichkeit, und sie kann auch mit den tiefen Passagen mehr anfangen als alle ihre Konkurrenten. Sie spielt äußerst konzentriert, mit geschlossenen Augen, ihre besonnene Art führt auch dazu, dass sie organischer mit dem Münchener Kammerorchester zusammenwirkt, als es den anderen gelingt.

Nicht einmal der Franzose Fedor Rudin, dessen Auftreten am professionellsten wirkt und der Initiative zeigt, wenn er das Orchester zu Beginn dirigiert, erreicht eine solche Einheit mit der Begleitung. Er ist einer der souveränsten Techniker unter den Semifinalisten und hat sich mit dem Konzert D-Dur KV 271a, dessen Authentizität unter den Mozart-Forschern immer noch umstritten ist, auch dasjenige ausgesucht, dem man im Konzertsaal am seltensten begegnet. Eine gewisse Kühle und Strenge, die für sein Spiel charakteristisch ist, schadet der Musik nicht, doch lässt er auch Möglichkeiten ungenutzt, wenn er die düsteren Stimmungen im langsamen Satz und manches Agitato eher als geläufig denn als sinnhaft auffasst.

Rudin hat sich jedoch wiederum das zeitgenössische Pflichtstück weitaus stärker zueigen gemacht als Frau Christian. Dass sie mit dem Stück des israelischen Komponisten Avner Dorman, Jahrgang 1975 Probleme hat, ist ihr freilich nicht allein anzulasten. Dorman hat mit den fünf unterschiedlich kurzen Sätzchen von For Solo Violin bloßes Kunstgewerbe abgeliefert, das Zitate motorischer Spielmusiken und poppiger minimalistischer Übungen benutzt, ohne über dieses abgestandene Material zu reflektieren. Je aggressiver die übrigen Semifinalisten dieses Stück anpacken, desto mehr Wirkung erzeugen sie.

Bei Mozart funktioniert ein so äußerlicher Zugriff jedoch nicht. Die Lettin Kristine Balanas hat einen ebenso sensiblen wie drahtigen Ton, zeigt sich in Mozarts Konzert Nr. 4 D-Dur KV 218 auch genügend frei, doch ihre Kultiviertheit nimmt sich bisweilen leicht zu selbstgenügsam aus. Eine latente Unausgeglichenheit, sowohl in der Tongebung als auch in der Phrasierung, führt bei der Bulgarin Liya Petrova, die ebenfalls das 4. Konzert spielt, zu Abstrichen. Der Italiener Andrea Obiso agiert im Konzert Nr. 3 G-Dur KV 216 im Ganzen tendenziell zu ungestüm und zu unbehauen, während es der Deutsche Lorenz Chen im ersten der Konzerte B-Dur KV 207 an Geschmeidigkeit vermissen lässt.

Die Jury, unter dem Vorsitz von Mauricio Fuks besetzt mit Pierre Amoyal, Hae-Sun Kang, Tasmin Little, Erez Ofer, Benjamin Schmid und Isabelle van Keulen, schickte Sarah Christian, Kristine Balanas und Andrea Obiso in das Finale. Es ist nachvollziehbar, dass offenkundig das Temperament des Letzteren gewürdigt, doch unverständlich, dass Fedor Rudin übergangen wurde.

Michael B. Weiß [4.9.2017]

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