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Festspiele Immling: "Make Opera Not War"

Donzettis "Liebestrank" an ungewöhnlichem Ort

Elisa Cenni (Adina) und Carlo Checchi (Belcore)

Elisa Cenni (Adina) und Carlo Checchi (Belcore)
Foto: Verena von Kerssenbrock

Über das Rosenheimer Land ergießen sich wie allsommerlich Klang-Kaskaden, die Fahnen wehen wieder, festlich leuchten nach Einbruch der Dunkelheit Fackeln von der Hochebene über die Wälder: die Festspiele Immling haben ihre Festspiel-Tore geöffnet und laden unter dem Motto „Make Opera Not War“ ein zu einem wunderbar abwechslungsreichen Fächer aus Oper, Musical, Junger Oper, verschiedenen Open-Air und Gala-Konzerten.

Die drei großen Inszenierungen der Saison sind Verdis Sizilianische Vesper, Glucks Orpheus und Eurydike und Donizettis Liebestrank. Hier geht es um Liebe und Krieg in ausgeprägten Formen, doch nicht nur Liebe als Antwort auf Krieg, sondern vor allem der Zusammenhalt und die gemeinsame Arbeit eines internationalen Ensembles, das sich in dieser Spielzeit aus über 30 verschiedenen Nationen zusammen gefunden hat, um gemeinsam Oper zu erarbeiten und zu musizieren, prägen das Motto.

Der Liebestrank fährt dabei in der Inszenierung von Regisseurin Verena von Kerssenbrock als Kreuzfahrtschiff „MS IMMLING“ ein, ein Geniestreich, denn die gelungene Traumschiff-Adaption hält alle Möglichkeiten für humoristische Szenarien, unterhaltsames Randgeschehen, berauschende Lichtspiele und stets buntes Treiben bereit. Chuanliang Wang (Nemorino) und Sergio Foresti (Dulcamara)
Chuanliang Wang (Nemorino) und Sergio Foresti (Dulcamara)
Foto: Verena von Kerssenbrock
Die Bühne ist ein nach vorne offenes Kreuzfahrtschiff, Liegestühle stehen an Deck bereit, zahlreiche Kabinen befinden sich unter der Kommandozentrale, auf der mittig ein großer Schornstein thront.

Der Kapitän betritt würdig und stumm die Szene, gibt dem Personal letzte Anweisungen, Dirigentin Cornelia von Kerssenbrock, in Kapitänslook, hebt den Taktstock. Eine trefflich dissonante Schiffshupe ertönt aus zwei Posaunen und ein aufgeblasener Gummischwan schwimmt zu ein paar Takten Schwanensee über das Orchester, dessen Mitglieder unter ihren türkisfarbenen Badekappen mit Hitzewallungen zu kämpfen hätten, säßen sie nicht im Pool, von dem aus sie den Abend auf höchstem Niveau und voll brodelnder Lebendigkeit musikalisch unter dem locker-präzisen Dirigat ihrer Kapitänin begleiten werden.

Die Handlung ist klassisch: es geht um zunächst unerwidert scheinende Liebe, Intrige, Eifersucht, doch nachdem die Crew, ein hochkarätiges Solistenensemble, und die Passagiere, der hervorragend agierende, stets präsente und angenehm voluminös singende Chor, das Schiff in gediegener Reisekleidung betreten haben, wandelt sich die eher blau weiß gehaltene Farbgebung der Kostüme (Sanna Dembowski), Requisiten und Ausleuchtung sukzessive zu einem bunten Farbrausch. Dem berühmt berüchtigten „Liebestrank“ des Dottore Dulcamara, spritzig gespielt und trotz einiger Parlandopassagen in atemberaubendem Tempo klar artikuliert und mit baritonalem Wohlklang gesungen von Sergio Foresti, ist dies zu verdanken, denn er hat seine Wirkung getan: die Szene explodiert schier vor Liebestreiben, Lebendigkeit und Hingabe an den Zauber des Augenblicks.

Wer Verena von Kerssenbrocks Arbeiten kennt, Elisa Cenni (Adina) und Carlo Checchi (Belcore)
Elisa Cenni (Adina) und Carlo Checchi (Belcore)
Foto: Verena von Kerssenbrock
weiß um die vielfältigen symbolischen Fäden, die die Regisseurin in ihre bislang eher ernsteren Inszenierungen einwebt, um der Handlung immer noch einen Dreh zusätzlich abzugewinnen, der mit dem Heute in Verbindung steht. Im Liebestrank zeigt sich nun ihre komödiantische Seite, wobei sie genau den Passus getroffen hat, der unterhaltsame Komödie nicht zu Klamauk verkommen lässt, indem sie Donizettis Opernlibretto mit unserem „Anti-Age“-Wahn in Verbindung bringt, der die Menschen von sich selbst entfremdet. So scheint sich Nemorinos smarter Gegenspieler, der oberflächliche Schönling Belcore, überzeugend dargestellt und ganz dem Typ entsprechend mit galantem Timbre gesungen von Carlo Checchi, seiner makellosen Körperlichkeit derart sicher zu sein, dass es für ihn schier unmöglich erscheint, dass die von beiden umworbene Adina sich letztlich für Nemorino entscheiden könnte, dem der „Liebestrank“ zwar den Weg zu seiner Geliebten zu ebnen scheint, der aber im Grunde nur sich selbst treu bleibt und seinen Gefühlen folgt.

Als schlussendlich Adina, anmutig und berührend authentisch gespielt von Elisa Cenni, die mit glockenreinem Sopran perlende und strahlende Koloraturketten über das Orchester wirbelt, und Nemorino sich nach all den Verfehlungen und Herausforderungen in den Armen liegen, treibt einem das tatsächlich die Tränen in die Augen. Elisa Cenni (Adina) und Carlo Checchi (Belcore)
Elisa Cenni (Adina) und Carlo Checchi (Belcore)
Foto: Verena von Kerssenbrock
Chuanliang Wang fesselte das Publikum vom ersten Ton an durch seine stimmliche Präsenz und Wandlungsfähigkeit, eine herrlich voluminöse Wärme, sowie die berühmte „Tenorträne“, mit denen er in seinen Kantilenen berührte. Sowohl stimmlich als auch darstellerisch derart in seiner Rolle aufgegangen, vermochte man sich seiner durchgestandenen Qualen keinen Augenblick lang zu entziehen. Nach 2 Stunden dann mündete das herbeigesehnte Happy End in einem großartigen Finale, einer herrlichen mediterranen Fiesta. Die Meerjungfrau und ihr Liebesgespiele die Krake (Tanja Honner und Patrick Ziecke) unterhalten mit fein choreografiertem Liebeswerben, eine Tanzeinlage des Chores heizt die Stimmung weiter an, was sogar die beiden schachbesessenen Herren, eine der vielen kleinen bezaubernden Randhandlungen, dazu bewegt, sich von ihrem Spielbrett zu lösen, um sich durch die Vollmondnacht treiben zu lassen. Alles Liebesweh ist überwunden, ein Feuerwerk aus Tanz, Farbe, Musik hebt das Publikum mitten ins Geschehen und all dies aufgrund der Placebowirkung eines sagenumwobenen Zaubermittels, das ewige Jugend und ebensolche Liebe verspricht. Dass es sich hierbei lediglich um einen ganz gewöhnlichen Bordeaux handelt, den der Dottore verteilt hat, spielt keine Rolle, Hauptsache, es funktioniert. Und dies tut es so umfassend, dass der Funke auf das begeisterte Publikum überzuspringen vermag.

Der Schwan ruckelt noch einmal zu ein paar Takten Schwanensee über die Köpfe der Orchestermitglieder, und die Schiffshupe entlässt Passagier, Crew und die berauschte, heitere Zuhörerschaft in die hochsommerliche Nacht.

Kathrin Feldmann [13.7.2017]

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