Klassik Heute - Ihr Klassik-Portal im Internet

Über uns | Impressum | Kontakt | Sitemap

Texte

Jury-Entscheidung mit Fragezeichen

Finale Gesang beim 67. Musikwettbewerb der ARD

Natalya Boeva

Natalya Boeva
Foto: Daniel Delang, BR

Seit gestern Abend stehen die Preisträger bei den Vokalisten fest. Die gute Nachricht: Kein Finalist ging leer aus, die schlechte: ich bin etwas unzufrieden mit den Platzierungen. Den dritten Preis teilen sich nachvollziehbarerweise Ylva Sofia Stenberg und Mingjie Lei. Frau Stenberg begann mit einer hinreißend gesungen Gilda, in der sie Belcanto-Effekte vom Allerfeinsten (h2 im pianissimo, Messa di voce, ziselierte Triller) vorführte. Ihre Königin der Nacht ließ bereits zu Beginn durch die unterschiedliche Einfärbung der Worte „unschuldig, weise, fromm“ aufhorchen. „Zum Leiden“ wurde im lyrischen Legato genommen. Trotzdem war jedes Wort wohlartikuliert. Dem Koloraturteil mag es ein wenig an Dramatik gefehlt haben, das f3 wurde etwas unelegant abgerissen, was allerdings Mozarts Notation als Staccato-Achtel entspricht. Leider war Bernsteins Glitter and be gay eine etwas unglückliche Wahl, weil gegen das doch recht massive Orchester ein gut ansprechendes Brustregister Voraussetzung ist, wenn die tiefen Töne nicht untergehen sollen. Außerdem kam es hier zu Koordinationsproblemen.

Der Tenor Mingjie Lei kostete den von Lang Lang bereits bekannten Panda-Effekt weidlich aus. In der Arie des Pylade aus Iphigenie en Tauride fehlte seiner Stimme noch der Oberklang, so dass sich trotz schöner Linienführung – wie häufig bei Gluck – gepflegte Langeweile einstellte. Mozarts „Baumeister-Arie“, deren Koloraturen brillant gemeistert wurden, liegt für einen ausgesprochenen Tenorino teilweise scheußlich tief und muss daher als Fehlgriff verbucht werden. Dafür gelang ihm der Tonio (Regimentstochter) mit seinen 9 hohen c’s brillant, ohne jedoch beim Publikum überschwänglichen Jubel auszulösen.

Leider erhielt Milan Siljanov nur den zweiten und den Publikumspreis. Er wäre für mich klar der Favorit auf Platz 1 gewesen, da er Figaros „Se vuol ballare“ auf weichströmender Legato-Basis deutlichst artikulierte, die unbequemen hohen f‘s unforciert in den Raum stellte und das Da Capo sinnvoll auszierte. Für eine vergleichbar elegante Interpretation des Torero-Lieds muss man weit in die Geschichte zurückgehen, um ähnlich gekonnte markierte Sechzehnteltriolen zu finden. Wer dann nach dem Hochtonfestival des Tenor-Kollegen einen durchaus männlichen, nicht weinerlichen Philipp bieten kann, dessen noble Linienführung und weittragendes Piano an Ezio Pinza oder Tancredi Pasero gemahnen, gehört zur Weltspitze.

Natalya Boeva erhielt den ersten Preis und den für den besten Vortrag des Pflichtstücks. Ich frage mich weshalb, da weder Semifinale noch Finale diese Wahl rechtfertigen. Sie begann mit „Es ist vollbracht“ aus der
auf einem Niveau, das zum Bestehen der Aufnahmeprüfung für den Master-Studiengang reichte – vielleicht war ich hier aber auch nur durch das Karl-Richter-Gedächtnis-Vibrato des Cellisten etwas genervt. Es war verdienstvoll, mit Brittens Lucretia auch das 20. Jahrhundert einzubeziehen. Hier fehlte mir aber die orphische Trauer einer Janet Baker oder Kathleen Ferrier, zumindest aber eine Attraktivität des Timbres. Ihre beste Darbietung war die Eboli-Arie mit fulminantem Ces3 und einer exzellenten hohen Lage. Dafür fehlte es der Tiefe an Brustkern.

Ich hatte Gelegenheit, kurz mit Matti Salminen zu sprechen, der meine obige Ansicht dahin korrigierte, dass die Jury im Finale Milan Siljanov ebenfalls an erster Stelle gesehen hätte, die Wertung aber über alle Durchgänge erfolgte, in denen Frau Boeva immer in der Spitzengruppe dabei gewesen wäre.

Thomas Baack [13.9.2018]

⇑ nach oben

Impressum Kontakt AGBs Datenschutz Haftungsausschluss Mediadaten Sitemap

© Klassik Heute GbR

jpc