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Entdeckungsreise zu Bach

Pianist Jean Muller im Berliner Piano Salon Christophori

Die aktuelle CD von Jean Muller

Die aktuelle CD von Jean Muller
Foto: Hänssler

Die Interpretation von Johann Sebastian Bachs berühmten „Goldberg-Variationen“ gleiche einer „gefährlichen Odyssee“, erklärt der luxemburgische Pianist Jean Muller in seiner kurzen Begrüßungsansprache in hervorragendem Deutsch und räumt ein, bei Aufführungen dieses Werkes eine sonst für ihn ganz untypische Nervosität zu empfinden.

Tatsächlich mögen einige technisch nicht ganz saubere Passagen des üblicherweise ungewöhnlich souveränen Musikers einer gewissen Anspannung geschuldet sein. Stärker irritiert, dass Muller eine sehr hohe Grundlautstärke wählt und sein Anschlag dann gelegentlich zur Härte neigt. Das passt weder zur Komposition, die ja nicht für einen Konzertflügel geschrieben wurde, noch zum Aufführungsort: Die Akustik des Piano Salons Christophori, der sich längst als eine der unkonventionellsten und aufregendsten Berliner Locations für klassische Musik etabliert hat, trägt auch zartere Töne ohne Mühe zum Zuhörer. Die Aufnahme der Goldberg-Variationen, deren Veröffentlichung Mullers Konzert im Berliner Wedding flankiert, bestätigt, dass der Künstler einen kernigen Klang bevorzugt, mit gelegentlich im Tempo sehr breit ausmusizierten Kadenzen und Variationsschlüssen. Die Vorteile dieses Stils liegen im völligen Verzicht auf manierierte Eigenwilligkeiten, der Abwesenheit zierlicher oder gespreizter Artikulation. Aufnahme wie Live-Auftritt zeigen zudem, über welch reiche Gestaltungs- und Differenzierungsmöglichkeiten Muller verfügt: In seinem Spiel herrscht völlige Gleichwertigkeit von rechter und linker Hand, plastisch ausgeformte Stimmverläufe gehen mit unhörbaren Übergängen von der einen zur anderen über, Muller kann mit den unteren Fingern gebundene, mit den oberen Fingern derselben Hand gleichzeitig gestoßene Töne artikulieren, wie in der 19. Variation zu hören ist. Dennoch scheint der Pianist mit seinem Stilempfinden eher in der Klaviermusik ab der Spätklassik (und also der Durchsetzung dynamisch stärker differenzierender Instrumente) zu sich selbst zu finden. Das ist auch beim Berliner Konzertauftritt zu erleben. Denn kurzfristig beschloß Muller, sich nicht wie ursprünglich auf die Wiedergabe von Bachs Variationenzyklus zu beschränken, sondern den Abend um einen zweiten Teil mit Werken von Beethoven, Chopin und Liszt zu ergänzen (dafürverzichtet er auf die meisten Wiederholungen der Goldberg-Variationen).

Beethovens kurze, nur zwei-sätzige und der eine Weile als „unsterbliche Geliebte“ gehandelten Therese von Brunsvick gewidmete 24. Klaviersonate op. 78 spielt Muller mit Verve und zielgenau gesetzten Pointen. Und die zum Abschluss des vom Publikum gefeierten Konzerts dargebotene Dante-Sonate von Liszt zeigt den virtuosen Pianisten ganz in seinem Element: Mit majestätischen Oktavläufen (Muller spielt sie selbst dort, wo die Partitur sie als optional ausweist), Klangsinnlichkeit in den lyrischen Passagen und einem klugen dramaturgischen Aufbau, der die von zahlreichen Stimmungswechseln geprägte Komposition als Einheit erfahren lässt.

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Benedikt von Bernstorff [25.10.2017]

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