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Entschleunigte Feinfühligkeit, forsche Damenpranke

DG- und RCA/Sony Editionen zur Erinnerung an Stefan Askenase und Ania Dorfmann

Edition Stefan Askenase

Edition Stefan Askenase
Foto: DG

Noch in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts konzertierte der aus dem galizischen Lemberg stammende Pianist Stefan Askenase reglemäßig in den europäischen Konzertsälen. Das ältere Publikum hatte den Chopin-Interpreten gleichsam abonniert, bei den Jüngeren und im abgehobenen Kreis des deutschsprachigen Kritikernachwuchses galt der zierliche belgisch-polnische Theodor Pollak- und Emil von Sauer Schüler als Vertreter einer konservativen Handhabe, als ein leibhaftiges Fossil vergangener Chopin-Stilistik.

Inzwischen hatten Adam Harasiewicz, Martha Argerich und Maurizio Pollini den Warschauer Chopin-Wettbewerb gewonnen – und mit dem russischen Finalisten Ashkenazy wurde der Ältere zu seinem Leidwesen auch noch herabwürdigend oft verwechselt.

Es ist an der Zeit, Abbitte zu leisten! Denn die Einspielungen, Stefan Askenase
Stefan Askenase
Foto: Digne Meller-Marcovicz
die Askenase nach dem Zweiten Weltkrieg für die Deutsche Grammophon vorgelegt hat, zeigen das Wirken und Weben eines Klavieralchemisten von sozusagen entschleunigter Feinfühligkeit. Chopins Klavierkonzerte op. 11 und op. 21, die Préludes op. 28 und in besonders delikater und besinnlicher Weise die Serie der Nocturnes sind für mein Empfinden kaum je so zart, so silbern-durchsichtig ausgeleuchtet und moderat in Bewegung gehalten worden wie in diesen auch aufnahmetechnisch hochwertigen Mono-Aufnahmen. Allein der zweite Satz des f-Moll-Konzerts ist ein Lehrstück, wie es einem Pianisten gelingen kann, auf einem „Schlaginstrument“ wie dem Klavier geradezu selbstvergessen zu „singen“, sich aus der Welt des Alltäglichen und Unangenehmen zu verabschieden und dennoch dicht am Ohr des Hörers seine Botschaft zu verkünden. Im Alter von 99 Jahren verstarb Askenase 1985 in Bonn. Es darf nicht unerwähnt bleiben, daß die genannte Martha Argerich, aber auch André Tschaikowsky und Mitsuko Uchida zu seinen Schülern zählten. Stücke von Mozart, Schubert, Smetana und Liszt ergänzen das reiche Chopin-Repertoire.

Ein ähnliches mediales Schicksal wie Askenase ereilte die aus Edition Ania Dorfmann
Edition Ania Dorfmann
Foto: RCA/Sony
Odessa stammende Pianistin Ania Dorfmann (1899 – 1984). Allein ihre packende, ungemein forsche, in manchen Passagen etwas holprig-brillante Aufnahme des C-Dur-Konzerts von Beethoven (op. 15) unter der ebenso drängenden, ja unwirschen Leitung von Arturo Toscanini ist in den Zeiten der Langspielplatte im europäischen Katalog geblieben. Nun hat man bei Sony alle RCA-Einspielungen der angriffslustigen, auf intelligente Weise nach dem musikalisch Rechten und fahndenden Musikerin veröffentlicht. Die neun CDs wurden in der Hüllengestaltung den einstigen LP-Veröffentlichungen angenähert, so sind sie auch graphisch Dokumente einstiger Schallplattenästhetik.

Ania Dorfmann, die in frühester Jugend mit Jascha Heifetz musiziert hat, ist in dieser bestens kommentierten Edition mit Sonaten von Beethoven, mit Klavierkonzerten von Mendelssohn (Nr. 1) und Grieg, mit Werken von Schumann wie dem „Carnaval“, mit sämtlichen „Liedern ohne Worte“ von Mendelssohn und Kompositionen von Chopin, Liszt, Ravel und Menotti zu erleben. Eine von den Werkgestaltungen her immer wieder überraschende, ja abenteuerliche Rundreise durch das „große“ Repertoire , erkundet von einer Persönlichkeit unter der wehenden Fahne kämpferischen Klavier-Feminismus‘.

Stefan Askenase – The complete 1950s Chopin Recordings

(DG 477 5242 /7 CD)

Ania Dorfmann – The Complete RCA Album Collection

(RCA / Sony 88985390102 /9 CD)

Peter Cossé [19.10.2017]

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